Alles, was wir haben, hat uns irgendwann

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Weihnachten steht vor der Tür und mit diesem alljährlichen Fest der Liebe auch wieder der Beginn des kompletten Kosumwahnsinns. Einmal mehr ein Anlass für mich, inne zu halten, in mich zu gehen und über mein Konsumverhalten nachzudenken.

 

 

Hamsterrad und Burnout

Immer mehr Menschen in meinem näheren und entfernten Umfeld sind absolut unzufrieden über die Tätigkeit, mit der sie zu Geld kommen. Wenn ich manchmal Morgens mit der U-Bahn fahre, ist der allgegenwärtige Frust regelrecht körperlich spürbar. Aufstehen, Arbeiten, Essen, Fernsehen, ins Bett, wieder Aufstehen. Am Wochenende mal einen Ausflug und einkaufen, Wohnung putzen, Montags wieder das Ganze von vorne. Und täglich grüsst das Murmeltier. Willkommen im Hamsterrad.

Was mich immer wieder echt schockiert, ist die Tatsache, dass viele, trotz ihres immensen Frustes, der sie ausbrennt und depressiv werden lässt, nicht im Geringsten auf die Idee kommen, dass es eine Alternative geben könnte. Wann immer ich sie danach frage, sind die Antworten ähnlich: Und wer soll die Miete bezahlen? Wer den Einkauf? Und ich bin dann geneigt, hinzuzufügen: Und wer den 5*-Thailandurlaub im Februar, das Ipad, die JackWolfskin Funktionsjacke für den zweijährigen Knirps, das neue Smartphone, die Premium-Mitgliedschaft im Wellnessclub im die Ecke (die eh immer seltener genutzt wird, da der Burnout einen oftmals nicht von der Couch hochkommen läßt), vom wöchentlichen Restaurant- und Kneipenbesuch mal völlig abgesehen?

 

Vom selbstverständlichen Überfluß zu dem, was ich wirklich brauche

Ich will hier absolut niemanden in eine negative Ecke verfrachten, der sich etwas leistet und dies auch kann. Doch was bin ich bereit, dafür zu tun? Das ist eine Frage, die ich mir vor zehn Jahren zum ersten Mal stellte, als ich kurz davor war, meine gut bezahlte Stelle in einem renommierten deutschen Kreditinstitut an den Nagel zu hängen. Es war der Beginn einer lange, bis heute anhalten Phase der Anpassung dessen, was ich habe an das, was ich brauche. Ich kenne viele, mich eingeschlossen, für die Konsum von Dingen seit der Kindheit als so selbstverständlich dazu gehört, dass sie erst sehr spät oder gar nicht beginnen, Konsum zu hinterfragen.

Was brauche ich wirklich? Eine Frage, deren Beantwortung nicht endgültig ist. Im Gegenteil, ich stelle sie mir fast täglich, wenn es mir mal wieder in den Sinn kommt, dieses oder jenes anzuschaffen. Und ich erlebe, wie immer mehr von mir abfällt. Wie immer mehr Dinge des täglichen Bedarfs sich als absolut überflüssig heraus stellen, von denen ich bisher dachte, sie wären irgendwie soetwas wie lebensnotwendig.

Als ein Beispiel sei der Blick in mein Bad genannt: Neben dem Haarwaschmittel für pflegebedürftiges Haar, der passenden Spülung nebst der Haarkur für besondere Anlässe fand man bis vor kurzem da auch eine Packung Bodylotion, Gesichtscreme für den Tag und die Nacht, Gesichtswasser, Peelingcreme, Duschgel in mehreren Duftnoten, Body Butter und und und, die Liste ist noch lange nicht zu Ende. Bis ich diesen Sommer ein Naturcamp besuchte mit einer Dusche (Kalt!) für 1000 Personen und dem Verbot von jeglichen Seifen, um das Grundwasser nicht zu verunreinigen. Einzig Lavaerde war zu Waschzwecken erlaubt. Nach einer Woche Campen war ich soweit, weitgehend allen Kosmetika Ade zu sagen. Ich brauche sie nicht. Welch Erkenntnis. In meinem Bad ist seitdem viel Platz.

So ist es fast allen Bereichen meines Lebens in den letzten zehn Jahren ergangen. Sie wurden, manchmal unfreiwillig auf den Prüfstand gestellt. Was brauche ich wirklich, um mich wohl zu fühlen? Was macht mich als Mensch wirklich aus? Ich erlebte, wie Stück für Stück etwas von mir abfiel, über das ich mich fälschlicherweise bisher definiert hatte. Sei es meine Kleidung, die von einer bestimmten Marke zu sein hatte, sei es meine Art, zu Reisen, was ich brauche, um mich sauber zu fühlen. Wie sieht es mit Medien und Technik aus? Der Markt erschafft sich fast täglich neu, und um nur ansatzweise mithalten zu können, sind nicht unerhebliche finanzielle Investitionen nötig.

Doch brauchen wir diesen ganzen Kram wirklich? Eine Frage, die ich mir oft stelle, wenn es darum geht, Dinge anzuschaffen oder nicht, ist, führt es mich zu mir hin oder von mir weg? Wie fühle ich mich, wenn ich mir vorstelle, dieses oder jenes zu besitzen? Besser? Oftmals weiß ich tief in mir, dass ich so, wie es jetzt gerade ist, reicht. Dass ich so zufrieden bin, warum also diesem inneren Zwang des Egos nachgeben, permanent zu optimieren. Ist das dann nicht im Kleinen dass, was unsere Welt im Globalen dahin geführt hat, wo wir gerade stehen? Wie viele Ressourcen unserer Erde gehen unnützerweise den Bach runter für all den überflüssigen Plunder, der angeblich unseren Wohlstand ausmacht?

Ein weiterer Punkt, der für mich eine enorme Freiheit mit sich brachte, ist die Erkenntnis, dass nicht alles, was ich kaufe, neu sein muss. Ich bin oftmals echt erstaunt, wie sehr dieser Konsum von nagelneuen Dingen in den Köpfen der Gesellschaft verankert ist. Klar, ein Gebrauchtwagen kann es dann schon sein. Aber ein gebrauchter Kinderwagen für mein Kind? Was bin ich da für eine Mutter? Und abgetragene Sachen vom Flomarkt? Wer weiß, wer die vorher an hatte. Für mein Kind nur das Beste! Und die Tische der Babybasare biegen sich vor der Last von Klamotten, die max. 2 Monate einen Besitzer hatten, oft wie neu aussehen, und die keiner haben will. Dabei ist es den Kleinen so was von herzlich egal, welchen Zustand ihre Kleidung hat. Im Gegenteil, die Freude ist umso größer, wenn man sich nicht vorsehen muss mit den neuen teuren Sachen und für die Haut ist es auch gesünder, da durch mehrmaliges Waschen die chemische Substanzen verschwunden sind.

 

Minimalismus befreit

Das, was mich letzendlich wirklich überzeugt hat, meinen Konsum zu überdenken, immer wieder mein Leben zu minimalieren und mich auf das Wesentliche zu beschränken, ist der enorme Freiheitsgewinn, der damit einher geht. Es ist so simpel – umso weniger ich konsumiere, umso weniger finanzielle Mittel benötige ich, umso weniger muss ich mich prostituieren, umso mehr Zeit habe ich für die Dinge, die mich wirklich glücklich machen. Ich wünsche mir von Herzen, meinem Kind durch mein eigenes Leben vermitteln zu können, dass weniger mehr ist. Dass unser Glück NICHT, niemals aus den Dingen kommen wird, die wir haben, sondern aus unserem Inneren, aus den Momenten, in denen wir unserer Seele ermöglichen, sich auszudrücken. Und dafür braucht sie Zeit. Zum Leben.