Authentizität - die Herausforderung, die innere Wahrheit zu leben

Bild des Benutzers Jasmin

Wenn ich ab und an innehalte und zurück blicke, kann ich sagen, dass ich den größten Teil meines Lebens an mir und dem was ich bin, fühle und von mir zeigen möchte, vorbei gelebt habe. Geprägt durch eine Kindheit, deren Devise es war, meinen Mitmenschen „höher zu achten, als mich selbst“, habe ich mich fast ausschließlich am Außen orientiert. Dies betraf fast alle Bereiche meines Lebens, angefangen vom Outfit bis hin zu meiner Berufswahl. Meine eigenen Bedürfnisse habe ich vor mir selbst verschlossen.

 

Orientierung im Außen

Wenn man in seiner Kindheit schon auf Anpassung und Konformität getrimmt wird, was spätestens im Schulalter beginnt, verschleiert sich schon in sehr jungen Jahren mehr und mehr der Zugang zur Seele. Da Orientierungslosigkeit die Folge ist, weil der innere Kompass oft nicht mehr oder nur unzureichend zur Verfügung steht, suchen sich viele Orientierung im Außen. So verlernen wir immer mehr den Schatz, der in uns ist, unsere innere Stimme, die uns unsere ganz eigenen Wahrheit offenbart, zu fühlen und zu hören. Genau das ist aber die Grundlage dafür, wirklich authentisch unsere innere Wahrheit leben zu können.

 

Sprachunterricht der Seele

Bei mir war es zunächst einmal ein ziemlich langer Prozess, meine innere Stimme überhaupt wieder wahrzunehmen. Bevor ich dazu in der Lage war, gemäß meiner inneren Wahrheit zu leben, musste ich zuerst über einen langen Zeitraum „Sprachunterricht“ bei mir selbst nehmen, um zu verstehen, im wahrsten Sinne des Wortes, was meine Seele mir sagen möchte. Zu oft hatte ich ihre Stimme überhört und verschlossen, als dass sie mich im Alltag überhaupt erreicht hätte. Für mich war dieser Lernprozess nur in längeren Phasen des Alleinseins möglich, fernab von der Energie anderer Menschen und dem Lärm der Großstadt.

 

Die Angst, nicht geliebt zu werden

Die größte Herausforderung war und ist es für mich noch heute, gemäß meiner inneren Wahrheit zu leben, zu reden, zu wählen, mich vor meinen Mitmenschen so zu zeigen, wie ich wirklich bin. Genau dieser Punkt hat mich des Öfteren mit meinen tiefsten Ängsten konfrontiert – der Verlustangst, einhergehend mit der Angst, nicht geliebt zu werden. Abgelehnt zu werden für dass, was ich bin. Wie oft habe ich gewisse Dinge nur gesagt oder getan, weil ich Angst vor den Konsequenzen hatte, hätte ich tatsächlich nach meiner innersten Wahrheit entschieden. Wie oft habe ich mich angepasst, mein Bauchgefühl verdrängt und mich selbst verraten, weil da eine Vorahnung von Ablehnung im Raum schwebte. Und wie sehr habe ich mich dabei von mir entfernt.

 

Selbstannahme

Schlussendlich habe ich irgendwann verstanden, dass diese Angst ihren Ursprung vor allem darin hat, dass ich selbst so vieles von mir anlehnte. Nur das, was ich angenommen und begonnen habe, an mir zu lieben, kann ich auch heute völlig unverfälscht zeigen. Tatsächlich glaube ich für mich auch, dass es mir überhaupt erst möglich ist, weitgehend authentisch zu leben, weil ich meine Angst vor dem Alleinsein überwunden habe. Weil ich nicht mehr existentiell darauf angewiesen bin, dass mich meine Umwelt liebt oder mag. Weil ich diesen Job in großen Teilen für sie übernommen habe.

 

Die anderen so nehmen, wie sie sind

Das magische an dieser Entwicklung ist, dass ich nicht nur in der Lage bin, mich immer öfter so zu zeigen, wie ich bin, sondern dass es mir damit einhergehend auch viel mehr möglich ist, meinen Gegenüber genauso zu nehmen, wie er ist. Es ist erstaunlich, umso man sich selbst verstellt und verbiegt, um geliebt zu werden, umso mehr erwartet man auch unbewusst von seinen Mitmenschen, dass sie sich „zurückhalten“ oder „zusammenreißen“, damit sie in das eigene Bild eines Ideals passen. Erst seitdem ich mir langsam mehr und mehr die Freiheit zugestehe, mich genauso zu zeigen, wie ich just in diesem Augenblick BIN, ohne dem Kontext der Situation oder der Beziehung zu jemandem zu erlauben, mich zu korrigieren, umso mehr gestehe ich das auch meinem Gegenüber zu.

 

Es ist ein langer Weg für mich, den ich gefühlt gerade erst begonnen habe. Meiner inneren Stimme zu lauschen. Zu hören, welche Wahrheiten sie gerade formuliert. Welche Bedürfnisse meine Seele äußert. All dies ernst zu nehmen. Ernster, all dass, was gerade um mich herum ist. Wichtiger als meinen Verstand, der sich lautstark meldet, um mich wie eh und je stumpfsinnig funktionieren zu lassen – immer auf Beifall und Anerkennung fokussiert. Und dann zu dem zu stehen, was da gerade gelebt werden möchte. Es auszusprechen. Auch dann, wenn es gerade nicht angesagt ist. Mich meinen Ängsten zu stellen, was nun passieren wird. Die Kontrolle loszulassen. Es passieren immer wieder Wunder. Genau die Wunder, die sich einstellen, wenn man auf die Stimme seines Herzens hört, ohne Kompromisse.

 

Bilder: Blume -  Some rights reserved by FrAnthony; Meditation -  Some rights reserved by Nathan Stang Photography