Bodenlos

Bild des Benutzers Jasmin

Während ich mein eigenes Erleben betrachte und wahrnehme, was um mich herum geschieht, spüre ich, dies ist die Zeit, in dem unser Vertrauen eine neue Dimension erreichen kann. Seit über einem Jahr sehe ich immer wieder ein Bild vor mir: Ich stehe vor einem Abhang, an einem sehr hohen Berg und zögere. Ich weiß genau, den Weg zurück gibt es nicht mehr, aber ich zögere, zu springen. Ich stehe da auf meiner Sturzkante und schaue immer wieder herunter in die unendliche Tiefe, mal habe ich schon den einen oder anderen Fuß ins Nichts gesetzt, nur um ihn alsbald wieder ängstlich zurück zu ziehen. Nun bin ich einen Schritt weiter - praktisch und sinnbildlich - ich befinde mich im freien Fall. Seit ein paar Wochen verschwinden Stück für Stück alle Sicherheiten im Außen, alles, was ich vermeintlich als stabil und als bleibend wähnte, ist einem krassen Auflösungs- und Veränderungsprozess unterlegen. Dieser Prozess dringt in alle Bereiche: Finanzielle Absicherung, Wohnung, Heimat, zwischenmenschliche Beziehungen, Zukunftsperspektive.

Es fühlt sich an, als ob der Boden unter meinen Füßen zerbröselt. Und das krasse ist, ich kann gar nicht mehr klammern, festhalten. Irgendetwas in mir boykottiert diesen Impuls, als ob meine Seele jetzt endlich springen möchte. Es ist so, als ob ich nur noch Dinge tue oder sage, die mir selbst den Boden wegziehen. Und so manches Mal versetzt mich dann die Bodenlosigkeit der Ungewissheit, die Realisation dessen, dass ich absolut nicht weiß, wie es weitergeht, in ultimative Panik. In diesen Momenten öffnet sich aber auch eine neue Tür zu meinen tiefsten Existenz-, Verlust- und Lebensängsten und so manches Mal ist es mir schon gelungen, ihnen Auge in Auge gegenüber zu stehen. Wenn ich diese Nähe zu meinen Ängsten nicht blockiere, wenn ich mich nicht ablenke oder mich in sinnlosen Projektionen verlieren, steht am Ende immer wieder ein tiefer Frieden und das zauberhafte, warme Gefühl, dass für mich gesorgt wird, dass alle Bedenken irgendwelchen Bildern entspringen, die allesamt mein Verstand produziert, und die bestimmt so nie eintreffen werden. In solchen Momenten überkommt mich eine tiefe Verbindung zu etwas Höherem in dem Wissen, woher es auch immer stammen mag, dass alles gut wird, dass ich mich fallen lassen kann und in Liebe und Geborgenheit getragen werde. Diese Momente, dieses Erleben ist für mich unendlich wertvoll. Auch wenn ich immer wieder in meine Angst vor meinen Ängsten rutschte und mich und den Fluß des Lebens erneut blockiere, so ist dieser Frieden und diese Geborgenheit auch ein Teil von mir geworden. Ein Teil, der mir hilft, authentischer zu sein. Nichts mehr aus Angst zu entscheiden. Mich nicht mehr zu verbiegen, um der vermeintlichen Sicherheit willen. 

Ich erlebe gerade, dass es diese zwei Wege gibt, mit dem Nichts umzugehen - mit dem Ungewissen, mit dem Weg, der im absoluten Nebel liegt: Ich kann die Spannung als Abenteuer erleben, als eine grosse Reise zu mir selbst und zu einem Erleben einer bisher nicht gekannten Größe und einer tiefen Verbundenheit mit diesen Großen oder ich spüre, wie mich die Angst klein, hart und verschlossen macht. Ich kann meinen inneren Raum öffnen oder ihn schließen. Auch wenn ich nicht immer in der Lage bin, voll zu Vertrauen und mich innerlich hinzugeben, so sind doch die Erlebnisse dessen, was möglich ist, wenn ich mich weit mache und meine Ängste umarme, so intensiv und so warm und geborgen, dass ich hieraus immer wieder Kraft schöpfe, mich dem freien Fall zu überlassen - dass Prickeln und Kribbeln im Bauch zu genießen und zu spüren, dass um mich herum Energien am Werk sind, die mich auffangen und tragen, die mich begleiten und lieben. 

 

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