Das Feuer der Wahrheit

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Vor einiger Zeit habe ich einen Artikel namens "Was ist Wahrheit" geschrieben, in dem ich versucht habe zu beschreiben, warum es für mich so etwas wie eine aussprechbare absolute Wahrheit nicht gibt. Nun habe ich letztens ein schönes Gleichnis dazu gehört, das ich mal in meinen Worten wiedergeben möchte.

Alles ist nur eine Perspektive auf die Wahrheit

Stell dir einen Raum vor. In seiner Mitte ist eine große Feuerstelle, auf der von Ewigkeit zu Ewigkeit das goldene Feuer der Wahrheit brennt. Um das Feuer herum sitzen in vielen konzentrischen Kreisen Wahrheitssucher, Weise und Lehrer. Sie blicken auf das Feuer in der Mitte des Raumes.

Sie alle debattieren über das Feuer der Wahrheit, beschreiben einander, wie es von ihrem Sitzplatz aus erscheint. Es gibt solche, die in den äußeren Reihen sitzen, viele hundert Meter vom Feuer entfernt. Sie erkennen selbst nur ein dumpf flackerndes Licht, aber meinen, darin um so mehr Formen, Figuren und Geschichten zu erkennen. Ihre Beschreibungen sind mehr Dichtung als Beschreibung - können sie doch selbst weder Details wahrnehmen, noch das Licht des Feuers und seine Wärme auf ihrem Gesicht spüren. Aber ein bisschen von der Wahrheit, ein Teil seiner Essenz, ist auch in dem enthalten, was sie zu berichten haben.

Dann gibt es jene, die sehr nahe am Feuer sitzen. Sie fühlen es, riechen es, hören es knistern, sehen noch seine kleinsten Funken. Ihre Beschreibung ist sehr genau, sie ist "näher an der Wahrheit", aber niemals die Wahrheit selbst. Denn auch sie sehen nur einen Ausschnitt - nur ihre Perspektive auf das Feuer. Auch sie können nur über die Wahrheit sprechen, von ihrem Platz aus, niemals die Ganzheit der Wahrheit selbst aussprechen. Ihre Beschreibung widerspricht womöglich sogar der Beschreibung von anderen, obwohl diese genauso nah am Feuer sitzen wie sie selbst - nur auf der anderen Seite.

 

Reines Sein ohne Erfahrung

Selten, sehr selten (und meist unbemerkt von den anderen) steht einer der Suchenden auf und tritt in einem Anflug wilder Hingabe mitten in das goldene Feuer hinein. Und sobald er dessen Mitte erreicht, wird er selbst zu diesem Feuer. Er sieht das Feuer nicht mehr, er nimmt es nicht wahr, er ist selbst zu Feuer geworden. Es ist niemand mehr da, der das Feuer erfahren oder über das Feuer berichten könnte, es gibt nur noch das Feuer selbst.

Sobald dieser Mensch zu sprechen beginnt, ist er schon nicht mehr in der Wahrheit, sondern spricht nur über sie. Und wie soll er es anderen Menschen erklären, als in den Begriffen, die diese von ihrer Perspektive aus verstehen können? Ja wie soll er selbst dieses nicht-Erlebnis beschreiben, als in den Begriffen, die ihm verständlich sind? Wie soll er selbst erklären, was ihm widerfahren ist und wie, wenn es eigentlich ihm selbst ein großes Rätsel ist? Vielleicht meint er, es geschah, weil er mit dem linken Fuß zuerst ins Feuer trat und empfiehlt nun allen, stets den linken Fuß zuerst zu setzen, wenn sie der Wahrheit näher kommen möchten. Vielleicht sprach er kurz zuvor ein Gebet und meint nun, dieses sei der Schlüssel.

 

Relative Wahrheit

Und so ist viel Streit um das Feuer der Wahrheit herum, und viel Uneinigkeit über seine wahre Natur und wie letztendliche Erkenntnis zu erreichen sei. Und Tage und Jahre sitzen die Suchenden dort und debattieren, was das Feuer nun sei und warum und was zu tun sei. Manche bleiben ewig an einer Stelle sitzen, andere gehen hin und her, hören sich all die verschiedenen Versionen an, vermeinen ein Muster darin zu erkennen, Gemeinsamkeiten.

Diesen wird vielleicht klarer, dass alle Beschreibungen nur eine Perspektive sind, manche der Wahrheit näher, manche recht weit davon entfernt, aber das doch alle eine bestimmte Essenz mehr oder weniger gut zu beschreiben scheinen, dass sie alle Schilder sind, die auf ein Ziel hinzeigen, aber niemals das Ziel selbst. Diese Menschen erkennen vielleicht, wie nah sich doch alle Streitenden eigentlich sind, wie verbunden sie sind in ihrer Gemeinsamkeit als Sucher der Wahrheit, wie ähnlich ihre Sehnsucht und ihre Absicht. Sie erkennen vielleicht auch, dass auf der Ebene der Beschreibungen die Wahrheit immer ein Pardoxon bleiben wird, voller Widersprüche, ewig unvollständig, niemals völlig wahr, niemals richtig falsch. Vielleicht beginnen sie, hindurchzufühlen durch die Worte, wie durch die Verse eines Gedichts, die Worte nicht mehr mit ihrem Verstand festzuhalten, sondern in ihr Herz fallen zu lassen, um zu sehen, wie sie sich dort anfühlen. Irgendwo zwischen den Versen ist vielleicht doch ein bisschen Rauch zu riechen, ein Funke versteckt sich unter einem Komma, hinter einem unscheinbaren Satz züngelt eine Flamme hervor.

Und irgendwann, früher oder später, werden all die Worte und Geschichten unwichtig für sie werden. Langsam werden sie auf das Feuer zugehen, bis das Gemurmel hinter ihnen langsam verstummt und das Knistern der Flammen sie umfängt. Mit jedem Schritt fallen die Geschichten ab und eine Hingabe erwacht in ihnen, ein völliges Verschmelzen mit dem innigsten Sein. Und dann geschieht es einfach: Ein Fallen in die Tiefe des Nichts, ein Verschwinden in der Leere der Stille. Dann sind sie selbst das Feuer geworden.