Dem Verstand in Liebe und Akzeptanz begegnen

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Neue Räume

Ich erlebe im Moment eine Phase der Ruhe und Entspannung. Gerade weil ich einen krassen inneren Prozessen durchlebt habe, insbesondere weil ich mich einer tiefsitzenden Emotion in mir geöffnet habe, ihr endlich den Raum gegeben habe, den sie so lange immer wieder eingefordert hat, stellt sich diese Ruhe ein. Dies ist umso mehr so, weil es sich dabei um eine ganz alte Emotion handelte, die ich viele Jahre immer wieder verdrängt habe. Dadurch, dass diesen Emotionen endlich die Möglichkeit zu Teil wurde, angeschaut zu werden, dass ich sie endlich angenommen habe, ihre Wurzel gefühlt und in Liebe umarmt habe, konnte ich sie loslassen. In diesen Prozessen entstehen neue Räume, die sich mehr und mehr mit dem füllen können, was meine Seele wirklich sein möchte – mit Ruhe, Liebe und Frieden. Aber oftmals fühlen sich diese wahren Gefühlen auf den ersten Blick nicht ansatzweise so intensiv an, wie einst die alten Emotionen. Diese brauchten eine Bühne, um sich in den alltäglichen zwischenmenschlichen Dramen entladen zu können, sie sind sensationssüchtig und hungern nach Intensität. Oft bin ich so verhaftet gewesen in diesen Emotionen, dass ich mich trotz ihrer negativen, destruktiven Schwingung lebendig und aktiv fühlte, wenn sie sich zeigten. Oft dachte ich sogar, gerade um der Leiden-schaft willen, die Emotionen verursachen, ich würde tatsächlich in diesen Momenten lieben.

Erst durch die innere Öffnung für Emotionen ist ein Abstand entstanden, der es mir ermöglicht hat, sie separiert von der jeweiligen Situation, in der sie ans Tageslicht kamen, zu erleben. Langsam hat sich die oftmals verzerrte Wahrnehmung von Erlebnissen zu einer tatsächlichen Wahrheit des Erlebens gewandelt und es stellt sich nun immer öfter in Momenten, in denen früher eine extreme emotionale Reaktion meine erste Wahl gewesen ist die Möglichkeit ein, durch Abstand bewusst in einen Zustand der Ruhe und des Friedens zu gehen – mich in den jeweiligen Moment zu entspannen. Wenn das auch manchmal nicht funktioniert, so stelle ich fest, dass ich Emotionen, wenn sie mich dann mal wieder kontrollieren, in immer kürzerer Zeit wieder loslassen kann - durch die Öffnung des Raumes, dadurch, dass sie SEIN dürfen ohne Verurteilung.

 

Der Beobachter

Nachdem ich so alte, tief sitzende Verhaltensmuster, die mir eine jahrelange Gewohnheit waren, immer öfter in Gelassenheit und Akzeptanz umwandeln konnte, hat sich nun mehr und mehr eine grundlegende Ruhe zu mir gesellt. Es gibt eine Instanz in mir, die immer mehr an Stärke gewinnt, die beobachtet, ohne zu werten, die das Leben genauso nimmt, wie es sich in diesem einen Moment zeigen möchte. Die Abstand genommen hat von all dem Wollen, dem Planen, dem Ändern-Wollen, sondern die einfach nur IST. Dieser Teil von mir gewinnt mit jeder Situation, in der ich mich für den tatsächlichen Ausdruck meiner Seele entscheide, anstatt den Emotionen die Regie zu überlassen, an Größe. Langsam merke ich, wie mein Lebensgefühl sich von einer ständigen unterschwelligen Gehetztheit zunehmend in einen Grundfrieden und eine Grundakzeptanz wandelt. Ich für mich habe das Bild, dass jedes Mal, wenn meine Seele sich zeigen darf, ich mich also für meine eigentliche Essenz und ihren Ausdruck entscheide, meine Seele ein Stückchen wächst und damit immer mehr Raum in meinem Leben erhält.

 

Der Verstand rebelliert

Nun bemerke ich, dass diese neue Entspannung und Entschleunigung meines Daseins meinen Verstand an seine Grenzen bringt. Dort, wo eben noch Dramen und Projektionen, verfangen in Opfer- und Täter-Mechanismen meine Interaktionen bestimmten, ist jetzt immer öfter ein Gefühl eines leeren Raumes, der sich mit nichts anderem füllt, als dem, was der Moment mir gerade sagen möchte. Mein Verstand möchte Erklärungen, mein Verstand vermisst die vermeintliche Lebendigkeit, die Leidenschaft und Intensität der Emotionen. Er kann sich nur schwer damit anfreunden, dass ich nun sooft ganz anders reagiere, als er es all die Jahre von mir gewohnt war – und eben manchmal auch gar nicht reagiere, sondern einfach SEIN lasse. Immer wieder hinterfragt er, ob ich mich nicht irre in meiner Ruhe und Gelassenheit, ob ich nicht doch irgendwo tief in mir etwas verdrängte, ob ich mich nicht komplett selber belüge - anders kann er sich die Veränderung meines Verhaltens nicht erklären. Er stellt Vergleiche an mit Vergangenem, er kommt mit Prophezeiungen, dass dieser Zustand nur eine Illusion ist, er suggeriert mir lange Weile, so seltsam ist es für ihn, zu akzeptieren, dass ein Teil meiner Persönlichkeit sich transformiert hat. Dass sich etwas in meinem Inneren ereignet hat, was so nie zuvor da war. Dem Verstand macht es Angst, mit Ungewohntem und Neuem konfrontiert zu werden. Er braucht das Eingefahrene, die alltäglichene Wiederholung der Wiederholung, um sich heimisch und sicher zu fühlen.

 

Innerer Dialog

Und so habe ich oft seine Stimme wahrgenommen und mich gefragt, wie ich damit umgehe, mit all diesen Gedankenströmen, die mir immer wieder das Gefühl nehmen wollen, dass es gerade so, wie es in diesem Moment ist, gut ist.

Zunächst einmal stellte ich für mich fest, dass mich in dieser Phase der Entschleunigung und Ruhe oft auch eine tiefe Liebe ohne Grund oder Anlass begleitet, was mich darin unerschütterlich werden lässt, dass ich mich nicht selber belüge, sondern tatsächlich etwas Grundlegendes in mir transformiert wurde. Wenn ich in die Stille gehe und mich mit mir allein wahrnehme, fühle ich meist einen dem Verstand unerklärlichen Frieden in mir, der mit dem, was gerade ist, völlig im Reinen ist, ohne irgendetwas zu Wollen oder eine Änderung von Diesem oder Jenem herbeizuführen. Und dieses Gefühl ist in seiner Essenz etwas so Natürliches, das BIN ICH, dass ich die Zweifel, die mein Verstand versucht zu säen, nicht keimen lasse. Trotzdem meldet sich seine Stimme immer mal wieder und so habe ich beschlossen, mit ihm genauso umzugehen, wie mit krassen Emotionen – ihm Raum zu geben, ohne ihm die Führung zu überlassen. Ich lasse ihn „reden“, höre mir seine Argumente an, lasse die Bilder zu, die er in Furcht vor Sicherheitsverlust malt und lasse ihn den Worst-Case-Fall virtuell und emotional bestückt inszenieren. Dann danke ich ihm für seine Hinweise, seine Warnungen, seine Bemühungen, mich vor irgendetwas zu bewahren und entscheide mich bewusst dafür, meinem Gefühl zu vertrauen. Ich habe bemerkt, dass es mit dem Verstand wie mit allem anderen ist, in dem Moment wo wir ihn ignorieren, ihn verdrängen, bekommt er Gewalt über uns und bestimmt uns, kreiert Ängste, malt Bilder, die uns nicht mehr loslassen. In dem Moment, wo wir Raum schaffen, verliert er an Macht.

Wenn seine Argumente gehört werden, hat er seinen Platz zugewiesen bekommen – als Ratgeber, aber nicht als Führer. Er ist ein Teil von uns, der seine absolute Berechtigung hat, aber ich habe für mich beschlossen, mich von meiner Seele, der Instanz in mir, die sich wirklich und echt anfühlt, in der ich meine Heimat finde, führen zu lassen. Und auch hier ist es wie mit der Macht der Emotionen, umso öfter es mir gelingt, Abstand herzustellen, Räume zu öffnen, ein Beobachter meiner Selbst zu werden, umso mehr bekomme ich die Möglichkeit der Wahl, von welcher Instanz aus in mir ich handeln möchte. Ich kann mich entscheiden, ob ich den momentanen Zustand der Liebe, des Friedens und der Ruhe permanent hinterfragen möchte oder ob ich mich ihm bewusst und voller Dankbarkeit für das, was gerade ist, hingeben möchte.

Das spannende an diesem, wie an vielen anderen Prozessen ist die Vielfalt an Instanzen, die ich mehr und mehr kennen lerne, die mein Handeln bestimmen. Ich merke, dass es mir erst möglich ist, wirklich von meiner Seele aus zu handeln, wenn ich Stück für Stück mit all diesen Instanzen, ob es der sicherheitssüchtige Verstand ist, das verletzte innere Kind, der bockige Teenager und was sonst noch so auftauchen wird im Laufe der Zeit, meinen Frieden mache. Mich ihnen widme, ihnen zuhöre, mit ihnen kommuniziere und ihnen Verständnis und Liebe entgegenbringe. Und ich lerne mich dadurch jeden Tag ein bisschen besser kennen.

 

Bilder: Bett Some rights reserved by Roger`s Wife; Frau Some rights reserved by sean dreilinger