Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht

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2013 war für mich vor allem von einer Herausforderung geprägt: Wie gehe ich damit um, dass mir immer und immer wieder sich ähnelnde Situationen begegnen, in denen in einer Endlosschleife dieselben Emotionen in mir hoch kommen? Wie komme ich dahin, diese Emotionen wirklich zu fühlen, um sie schlussendlich hinter mir lassen zu können? Wie kann ich diesen inneren Heilungsprozess endlich in Gang bringen?

Meine Erfahrung ist, dass sich einige Emotionen wie ein roter Faden durch mein Leben ziehen und das Leben wirklich kreativ ist, mir Situationen und Menschen zu bescheren, die dafür sorgen, dass ich immer wieder mit ihnen konfrontiert werde. Mal gibt es Verschnaufpausen, nur um dann eine neue Konfrontation zu erschaffen. Lange Zeit kam mir das Ganze vor wie ein Teufelskreis, teilweise fühlte ich mich echt vom Leben verarscht, hatte ich doch gedacht, diese oder jene Emotion längst hinter mir gelassen zu haben. 2013 hat sich das Ganze in meinem Erleben noch einmal heftig beschleunigt, und alles, was man mal für eine Zeit ignoriert, kompensiert und schön geredet hat, wurde nun kübel weise über einem ausgeschüttet. Irgendwie weiß man ja schon tief in sich wenigstens ungefähr um seine blinden Flecken, um die Ecken seiner Seele, um die man lieber einen großen Bogen macht.

Nun ist es in meiner Wahrnehmung so: umso mehr ich ignoriere und kompensiere, um so mehr Gas gibt das Leben, mich zu konfrontieren. Nun habe ich die Wahl: ich maximiere meinen Level an Ignoranz und verstärke meine Kompensationsmechanismen oder ich gehe in den Widerstand oder ich kapituliere. Mein Weg führte mich als erstes an einen Punkt, an dem meine langjährig erprobten Kompensationsmechanismen aussetzen – ich hatte absolut keine Möglichkeit mehr, sie auszuleben durch einen krassen Umbruch meiner Lebensumstände. Keine Kompensation zieht extreme Konfrontation nach sich, mit all den Schatten, den ungeliebten Emotionen und der tiefen Leere, in die sie gebettet sind. Nun habe ich wieder die Wahl, gehe ich nun in den Widerstand zu diesen schmerz besetzten Anteilen samt ihren heftigen Turbulenzen oder kapituliere ich vor mir selbst. Manch einer zieht an dieser Stelle die Kapitulation vor, nicht aber so dickköpfige Wesen, wie ich es bin. Also folgten Jahre des stetigen Auf und Abs – Menschen und Momente, Umstände und Konflikte kamen in mein Leben, die meine Emotionen und meinen Schmerz ansprachen, ich schaute auch immer wieder mit einer gewissen Wachheit und einem Bewusstsein darum, dass alles ein Spiegel meiner Selbst ist hin, aber den entscheidenden Schritt wagte ich nicht: den Kampf gegen mich selbst AUFZUGEBEN. Hin und wieder verlor ich mich auch wieder in Projektionen auf den bösen Partner, den cholerischen Chef und meine abartigen Vermieter, die meiste Zeit aber war ich mir meiner Emotionen und der Botschaft meiner Begegnungen und Erlebnisse voll bewusst – ich wollte sie aber nicht WAHR haben. Ich kämpfte meinen kleinen inneren Feldzug gegen das Gefühl, abgewiesen und ungeliebt, ein Versager und Looser, die 2. Wahl und vor allem total minderwertig zu sein – all das, was ich durch die Situationen im mich herum gespiegelt bekam. Klar, ich meditierte und fühlte den Schmerz und traf an der nächste Ecke wieder auf meine Schatten. Es war wie die heiße Herdplatte, ich habe tausend Mal drauf gefasst und mich nach jeder Verbrennung gefragt, woher dieser innere Zwang kommt, wieder und wieder drauf zu fassen. Ich fragte mich oft, was ich da eigentlich nicht sehen wollte, was das Leben mir verdammt noch mal sagen will und warum ich es einfach nicht kapiere.

Dann kam dieses wunderbar chaotisch krasse Jahr. Alles dynamisierte sich, an jeder Ecke lauerte eine neue Konfrontation in einem beeindruckenden Tempo. Nichts kratze nunmehr nur an der Oberfläche, sondern meine Erlebnisse und Begegnungen gingen sofort ans Eingemachte. Wo bisher die eine oder andere Äußerung mit meiner Minderwertigkeit in Resonanz ging, so wurde ich nun von anderen in meinem ganzen Wesen in Frage gestellt. Ich kam kaum noch hinterher mit anfühlen und ankämpfen, mit meinen Tricks, mir einzureden, alles ist gut und ich habe ja schließlich die Emotionen angefühlt und meinen Teil zu innerer Heilung getan. Diesmal hat das Leben mir die Entscheidung abgenommen: Ich musste aufgeben, die einzige Wahl, die ich hatte, war entweder mein gesamtes Weltbild hinzuschmeissen oder zu kapitulieren. Entweder ich würde alles vergessen, was ich tief in mir als Wahrheit akzeptiere, dass alles ein Spiegel ist und mir nichts aus Zufall begegnet oder ich würde meinen Kampf gegen mich selbst einstellen müssen. Und so befand ich mich im Orkan meiner Seele, als ich eine leise Stimme vernahm, die mich doch allen Ernstes fragte: Was ist eigentlich so schlimm daran, klein, wertlos, dumm, minderwertig, abgelehnt, ohne besondere Fähigkeiten zu sein, was macht dich so fertig daran, zu versagen, abzuloosen? Was ist so schlimm daran, dass du all deine Energie, die du hast und die du nicht hast, dafür hergibst, um dir das Gegenteil zu beweisen? Das du sogar deine physische Gesundheit aufs Spiel setzt, nur um an diesen Emotionen vorbei zu kommen? Ich hielt inne und dann hatte ich einen ziemlich erhellenden Moment. Ja, warum eigentlich nicht? Dann bin ich eben all das, wovor ich mich so sehr fürchte. Umso mehr ich mich damit anfreundete, umso stärker wurden die Wellen der Erleichterung, die mich durchfluteten. Der Kampf ist vorbei. Ich muss nichts und niemanden mehr beweisen, ich wäre etwas anderes, als das, was ich bin. Es ist egal. Ich kann ich sein. Und wenn das bedeutet, ein Versager zu sein, dann eben auch das. Hauptsache, ich muss nicht mehr kämpfen. Ich war in Wirklichkeit so dermaßen erschöpft und hatte über die Maßen die Nase voll davon, zu kämpfen wie ein Ertrinkender gegen die Fluten, dass ich mich dem Untergang hingab. Und damit erlebte ich zum ersten Mal, was es wirklich heißt, durch Emotionen zu gehen, sie zu fühlen, dass, was ich jahrelang nur angekratzt und mit dem Kopf versucht hatte. Und was dieser tiefe Frieden eigentlich war, von denen viele berichteten, der sich angeblich dann einstellt. Ich war irgendwie im Frieden mit mir und allen um mich herum, weil ich nichts mehr wollte. Nicht anders sein, die anderen nicht mehr anders haben, keine anderen Lebensumstände....

Ich erzähle das alles, weil ich erfahre, dass es vielen gerade so geht, dass sie fest hängen, ihre Emotionen zwar immer wieder (an-)fühlen und doch im Außen in immer krasseren Situationen mit den selbigen konfrontiert werden. Weil oft die Frage entsteht, was man jetzt noch machen kann, wo doch das Spiegelgesetz klar ist – also Projektionen sinnlos werden und auch das Fühlen der Emotionen so lange schon versucht wird. Und sich viele in einer Endlosschleife aus sich immer und immer wiederholenden Deja vus befinden, die in ihrer Intensität zunehmen. Ich glaube, dass es das Patentrezept für den Ausstieg aus diesem oft als Alptraum erlebten Zustand nicht gibt. Es ist eine absolut herausfordernde und zugleich extrem entmutigende Phase – man ist wach und bewusst genug, um zu verstehen, aber gleichzeitig in einem Verhaltensmuster gefangen, was es einem unmöglich macht, an seine tiefen schmerzhaften Emotionen wirklich ran zu kommen. In meiner Erfahrung hilft in dieser Phase vor allem die Zusicherung und das Vertrauen darauf, dass alles vergänglich ist, auch die endloseste Endlosschleife. Das es ein Prozess ist, der zu dem nächsten Schritt führt. Ich selbst habe diese Phase als weich kochen erlebt. Im Nachhinein war diese Zeit nötig, um meinen extremen inneren Widerstand gegen mich selbst und meine ungeliebten Anteile zu brechen, um mich sozusagen mürbe zu machen. Und ich kann jedem versichern, der gerade absolut satt ist davon, beim Blick in den Spiegel um sich herum immer nur dasselbe jämmerliche Bild zu sehen – wenn du aufhörst, dass was du siehst, und sei es mit der kleinster Faser deines Seins, abzulehnen, wird es leichter. Wenn du wirklich darein gehst, in das Bild, was von außen kommt und was du ja schlussendlich auch über dich selber denkst (und das ist bei jedem etwas anderes) und sagen kannst: Na und, dann BIN ich halt so, wird dein Kampf aufhören. Deine Widerstände sind weg, die Ungeliebtes manifestieren und das Leid verlängern. Der Weg ist frei für wirklich Heilung, dafür, dass sich Wunden schließen und du deine wirkliche Schönheit entdecken kannst. Und sie liegt darunter verborgen, es ist tatsächlich so, ich erlebe es gerade fast täglich.

Von Herzen wünsche ich uns allen, dass wir mit uns vorsichtiger, liebevoller, und sensibeler umgehen, in dem Glauben an unsere tiefe Schönheit, unsere unendliche Liebe und unser helles Leuchten.

 

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