Die heilende Kraft unserer Beziehungen

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Ich erlebe gerade wahre Wunder in meiner Beziehung. Mein ganzes Leben lang war ich auf der Suche nach Liebe, Anerkennung, Bewunderung im Außen. Vor allem meine Beziehungen waren für mich das Feld, in dem ich danach suchte und doch immer wieder Schmerz und Enttäuschung erlebte, oft in der ständigen Wiederholung desselben Musters. Ich fühlte mich gefangen in einem Teufelskreis aus Hoffen und Sehnen, um immer wieder festzustellen, dass ziemlich schnell eine unendliche Leere einkehrte, die ich doch so sehr durch einen Partner füllen wollte.

Wir alle bringen viele große und kleine Verletzungen aus unserer Kindheit mit, sind oft schon früh mit fehlender Wertschätzung und Missachtung unserer Bedürfnisse konfrontiert worden, die unserer Persönlichkeit einen völlig individuellen Stempel aus mangelndem Selbstwertgefühl und fehlender Selbstliebe aufgedrückt haben. Früh spürte ich diesen Mangel in mir und habe auf der anderen Seite erlebt, wie es sich anfühlt, dieses so sehr ersehnte Geliebtwerden, diese Wertschätzung von einem Menschen im Außen zu erfahren. Genau dies ist es, was die Phasen der Verliebtheit so einzigartig macht, wenn all das, wonach wir uns sehnen, seitdem wir existieren, durch eine andere Person mit einem Mal erfüllt wird. Doch ist es nur eine temporäre Begleiterscheinung des Aufeinandertreffens zweier zutiefst verletzter Seelen und mit jeder Erfahrung dieser Art erlebte ich die Leere, die sich wieder einstellte, als unerträglicher.


Partnerschaft als Spiegel der Selbsterkenntnis

Erst auf meinem spirituellen Weg, mit ausgelöst durch eine schmerzhafte Trennung und nun mit dem sooft zwanghaft vermiedenen Alleinsein konfrontiert, begann ich langsam zu verstehen. Zu verstehen, wie unbewusst sich all meine vorherigen Begegnungen mit Männern gestaltet hatten, zu verstehen, dass so etwas wie Glück oder Unglück in der Partnerwahl eine Illusion unseres Verstandes ist, dass ich nicht das Opfer von schicksalshaften Umständen bin und es einen falschen Partner schlicht nicht gibt. Ich fühlte mich, als ob jemand mir einen Schleier vor meinem inneren Auge gelüftet hatte, als ich anfing, zu begreifen, dass ich jeden Menschen, jede Begegnung aus bestimmten Gründen in mein Leben ziehe. Dass all das, was ich bisher in die Schublade „Unglück in der Liebe“ stopfte, ein Spiegel meiner Selbst ist. Dass meine Seele sich dieselben Muster immer und immer wieder kreierte, damit sie etwas lernen konnte, weil sie bestimmte Anteile in mir heilen wollte.

Ich begann zu verstehen, dass sich gewisse Situationen in meinem Leben mit zunehmender Intensität wiederholten, weil ich mich weigerte, hinzuschauen, bei mir zu schauen, sondern in einer passiven Opferrolle verhaarte, die mich handlungsunfähig und wehrlos machte. Als sich mein Bewusstsein für die Spiegelung durch das Außen erweiterte, konnte ich fühlen, dass all die Momente, in denen ich mit meinem Schmerz konfrontiert wurde, in denen ich mich verletzt fühlte, in denen ich voller Enttäuschung und Trauer weg gerannt bin, vertane Chancen auf Selbsterkenntnis, -annahme und Heilung waren.

All das, was ich in meinem Leben wie ein Fluch in Sachen Liebe erlebt hatte, begann nun Sinn zu machen. Und zuallererst die Erkenntnis, dass ich nichts, rein gar nichts, dauerhaft im Außen finden werde, was ich mir selbst versage, allem voran das Gefühl, geliebt zu werden. Auch wenn gerade diese Realisation unweigerlich alle unsere Erwartungen an einen potenziellen Partner zerstört, so ist es doch der größte Schritt in unsere persönliche Freiheit schlechthin. Ich verstand, dass meine permanente Suche nach Liebe und Geborgenheit und all die Dramen, die damit einhergingen, niemals von Erfolg gekrönt sein kann. Dass ich die trügerische Vorstellung loslassen kann, ja muss, irgendeines dieser Attribute durch eine andere Person erfüllt zu bekommen, wenn ich nicht anfange, mich selbst anzuschauen, mich zu mögen, zu lieben, mich anzunehmen, so wie ich bin, jetzt, hier in diesem Augenblick.


Das Ende der Projektionen

All diese Erkenntnisse, die ich auf der Herzensebene voll und ganz verstand und annehmen konnte, die meinen bisherigen Erfahrungen Sinn gaben und mich um so vieles ermächtigten, kamen in einer Phase des Alleinseins zu mir. Die wahre Schule jedoch, heraus aus all den Projektionen und Dramen stand mir erst bevor – die Beziehung selbst. Heute glaube ich, dass es keinen zwischenmenschlichen Raum gibt, der dich mehr mit dir Selbst konfrontiert, als eine partnerschaftliche Liebesbeziehung – und es gibt kaum eine intensivere Möglichkeit zur Heilung.

Wenn sich zwei Menschen begegnen, die beide bereit sind, die konditionierten Konzepte von Täter und Opfer, Schuld und Sühne und alle damit verbundenen Projektionen loszulassen, kann wahre Heilung geschehen. In meiner jetzigen Beziehung bin ich in kürzester Zeit mit meinem Urschmerz und unglaublich vielen meiner ungeheilten Persönlichkeitsanteile konfrontiert worden, vor allem, weil ich es zugelassen habe. Auch wenn all die Momente, in denen ich mich verletzt und verlassen fühle, weiterhin den Impuls nach Schuldzuweisung auslösen, so gelingt es mir immer öfter, bei mir zu bleiben und nach einigen Momenten das unglaubliche Geschenk, dass sich darin verbirgt zu sehen. Der andere ist nie die Ursache unserer Gefühle, sondern „nur“ der Auslöser und doch ist in den Situationen, in denen die Wut und der Schmerz uns förmlich übermannen und der Drang nach dem Errichten emotionaler Schutzmauern stark ist, der größte Schatz verborgen – die Ursache zu finden, zu erfühlen, das erste Gefühl anzunehmen in Liebe und Heilung zu erleben.

Auch wenn sich das vielleicht einfach anhört, ist es das ganz und gar nicht. Es ist vielmehr die Entscheidung zweier Seelen, miteinander zu wachsen, gemeinsam zu lernen. Es ist die Vereinbarung, bei allem, was im Miteinander an Schmerz und Verletzungen ans Licht kommt, bei sich zu bleiben. Es ist die Hingabe an absolute Offenheit, sich so zu zeigen, wie man ist, wie man sich gerade in diesem Augenblick fühlt, und mag das noch so jämmerlich sein. Es ist die Absage an all die Versteckspiele, eingebettet in das Nähe-Distanz-Gerangel, dass unsere vorherigen Beziehungen ausmachte. Es ist ein gegenseitiges Erinnern an die Verpflichtung zu Bewusstheit, wenn einer oder beide in die Dumpfheit des Alltags abrutschen, auch wenn man das oft erst nicht hören möchte. Und es ist ein tagtägliches Loslassen all der Erwartungen und Wünsche, die wir unser ganzes Leben auf andere projiziert haben, ein Loslassen unserer Sucht nach Dramen und Selbstinszenierung. 


Wachstum und Heilung

Als ich das erste Mal in meiner jetzigen Beziehung erlebt habe, wie ich an die Wurzel eines tiefen Schmerzes kam, der mein gesamtes bisheriges Leben begleitete, wie ich mit einmal Mitgefühl und Liebe hatte, für das kleine Kind, dass sich damals, als alles begann, so unsäglich einsam und verlassen gefühlt hat, als ich spürte, wie ich dadurch, dass ich diesen Schmerz erstmals wirklich bei mir ließ, ohne ihn auf mein Gegenüber zu projizieren, etwas in mir heilen konnte, wusste ich, dass dieser Weg unsere Beziehungen zu einem unendlichen Geschenk des Wachstums und der Heilung macht. 

Jede schmerzhafte Situation, jeder aufwühlende Prozess in dieser Beziehung ist für mich eine absolute Herausforderung, nicht in alte Muster zu verfallen, nicht zu mauern, nicht wegzurennen, bei mir zu bleiben, hinein zu schauen in den Spiegel, der mir soviel von dem zeigt, was ich solange nicht sehen wollte und auch heute oft lieber ignorieren würde. Und doch habe ich in der kurzen Zeit mehr über mich erfahren, als in den ganzen Jahren davor. Ich habe das tiefe Gefühl, zu erstem Mal einem Menschen wirklich zu begegnen, in tiefer Offenheit und Bewusstheit. Und ich bin dankbar für dieses Geschenk des Lebens.

 

Bilder: Paar 1 - Automania cc-bync-sa, Paar 2 - Shayne Kaye cc-by