Einfach: Nichts Tun

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Ich besuchte gestern mit unserer Tochter ein kleines ländliches Tiergehege. Während wir die Enten, Gänse, Pferde und Ziegen bei ihrem Tun beobachteten, wurde mir mit einem Mal klar, warum ich sooft bei vergangenen Besuchen solch eine extreme Diskrepanz zwischen meinem Inneren und der Energie dieser Haustiere verspürte: Sie fröhnten voller Hingabe dem Nichtstun. Nicht die ganze Zeit, aber sie nahmen sich immer wieder das Recht zu einem Schläfchen, zum Chillen, zum Sonnen oder zum scheinbar ziellosen Sein. Sie strahlten dabei eine solch angenehme, existenzielle Ruhe aus, sehr im Kontrast zu mir die ich oftmals mit meiner Tochter von einer Gattung zur nächsten hetzte, den Abwasch und den noch nicht erledigten Einkauf im Nacken spürte sowie den Anspruch, so viele Tiere wie möglich zu besuchen, schließlich hatten wir ja dafür Eintritt bezahlt.

 

Konditionierung auf Leistung und Ergebnisse

Warum diese kleine Episode? Sie ist nur ein Puzzlestück aus den sich immer mehr dynamisierenden Synchronozitäten, die mich dazu auffordern, mir Ruhe zu gönnen. Ich spüre diese tiefe Sehnsucht nach einem Ende des mechanischen Funktionierens nicht nur in mir, sondern auch überall um mich herum. Viele Menschen wünschen sich mehr denn je Stille, einem Ausstieg aus dem alltäglichen Hamsterrad, ungefüllte Zeiten, Zeiten ohne Druck, ohne Uhr, ohne Geräusche, ohne Fremdenergie und tun sich doch so unendlich schwer damit. Damit, einfach mal NICHTS zu tun. Eine ganzer Wirtschaftszweig lebt von dieser Sehnsucht – die Wellness-, Fitness-, und Healthbranche mit erstaunlichem Wachstumspotential. Da wird nach der Arbeit von der Yogastunde zur Sauna gehetzt, von einem Meditationsseminar zum nächsten Workshop, und wenn man endlich mal die Beine hochlegen kann, dann aber bitte mindestens mit Buch.

Ich habe das Gefühl, wir haben es völlig verlernt, mal unaktiv zu sein – mich eingeschlossen. Wobei verlernt eigentlich der falsche Ausdruck ist. Ich bin, solange ich denken kann, immer dazu angehalten worden, etwas zu Tun, etwas zu lernen, etwas zu kreieren, nicht rumzuträumen, nicht auf der „faulen Haut zu liegen“.... Und ich weiß, mit dieser Konditionierung auf Tun bin ich nicht alleine. Unser gesamtes Schulsystem basiert auf dem Drill nach Leistung, und es beginnt eigentlich schon viel früher. Ich habe vor kurzer Zeit im Kindergarten unserer Tochter gesehen, wir ein kleines Mädchen völlig versunken in sich und ihre Umgebung vor sich hin träumte. Sie strahlte einen tiefen Frieden mit sich und dem, was sie mit sich erlebte aus. Doch die zuständigen Erzieherin konnte dies leider nicht fühlen – zu groß war ihr Drang, das Mädchen wieder in die Aktivitäten der Gruppe einzubinden. Und dann noch die umstrittene Kinderfrühförderung – meiner Meinung nach viel zu überbewertet, erstickt sie oftmals jeglichen individuellen Drang des Kindes nach Freispiel und eben einfach manchmal nur so dazu liegen, zu SEIN, ohne Ziel und Hintergedanken im Keim. Da werden die Kinder nach dem Kindergarten, nach sechs oder acht Stunden Intensivspiel mit mindesten 20 anderen Kindern zur Musikschule, zum Capoeira, zum Ballet oder wo auch immer hin verschleppt. Nicht das eine Förderung unserer Kinder falsch ist, aber ich erlebe immer öfter, wie das Gleichgewicht zwischen Ruhephase und Input, gerade was unsere Kinder betrifft, absolut nicht gegeben ist – weil ein so großer Wert auf ein bestimmtes Ergebnis gelegt wird und weil wir es in unserem Leben so schwer umsetzen können.

 

Die Herausforderung, den Selbstwert völlig neu zu definieren

Die Konditionierung auf Leistung führt sehr schnell zu einer Eigendefinition über Leistung. Zu der eigenen Werthaftigkeit auf der Grundlage dessen, was man an sichtbaren Endprodukten abliefert. Zu einem Gefühl von Befriedigung nach einem randvoll mit Aktivitäten gefüllten Tag, was im Umkehrschluss nichts weiter heißt, dass dieses Gefühl von Befriedigung auf der Strecke bleibt, wenn ich es mir erlaube, einfach mal nichts zu tun. Im Gegenteil, ich spüre in mir in bewusst gewählten Momenten des Seins immer wieder eine leise Stimme, die mir flüstert:“müsstest du nicht noch.....?“, verbunden mit einem latent schlechten Gewissen – weil in unserer Erziehung ungenutzte Zeit oftmals als verplempert galt. Es gab Zeiten, in denen ich eine solche Sucht nach diesem Gefühl nach Befriedigung durch Leistung verspürte, dass ich jede Minute minutiös durch plante.

Für mich ist es auf der einen Seite als Mutter die Herausforderung, unserer Tochter so viel wie irgend möglich diese freie Zeit zu gewähren und sie vor dem Druck nach Leistung und Ergebnissen aufgrund gesellschaftlicher Zwänge zu beschützen. Gleichzeitig liegt die Herausforderung für mich vor allem darin, meine eigenen Glaubenssätze hinsichtlich meines Selbstwertes und bezüglich sinnvoll genutzter Zeit über Bord zu werfen.

 

SEIN statt Funktionieren

Seit einiger Zeit fühle ich für mich zunehmend die elementare Wichtigkeit dieser Momente der Stille und des bewussten Seins. Ich spüre, das es ein tiefes Bedürfnis meiner Seele ist, immer wieder Momente zu haben, in denen ich den Druck von mir nehme, irgendetwas ergebnisorientiertes zu Tun.

Spannend ist in diesem Zusammenhang: Umso bewusster ich im Umgang mit mir selbst werde, umso mehr nimmt meine gewohnte Leistungsfähigkeit ab. Es ist tatsächlich eine interessante Entwicklung, die ich seit einiger Zeit bei mir selbst beobachte – und doch entbehrt sie nicht auch einer gewissen Logik. Umso näher ich mir selbst komme, meine Selbstakzeptanz langsam wächst und meine Liebe für mich selbst gedeiht, umso weniger bin ich bereit und imstande, zu Funktionieren. Zu Funktionieren und mich zu Prostituieren, um mein Geld zu verdienen, den Haushalt zu wuchten, wenn mir eigentlich nach einem Sonnenbad ist und mir Leistung in irgendeiner Form abzuverlangen, wenn meine Seele nach Ruhe schreit. Wann immer ich mich selbst zu einem Handeln im Kontext des Funktionierens zwinge, umso krasser sind die Resultate – tiefe Wut mischt sich in Traurigkeit bishin zu Hoffnungslosigkeit – ich kann nicht mehr funktionieren wie all die vergangenen Jahre.

Es ist die Sensitivität, die wächst, für die Menschen, denen ich begegne und vor allem für mich selbst. Es ist aber auch die Konfrontation mit all den alten Glaubenssätzen, die dafür gesorgt haben, dass ich jahrelang lieber funktioniert habe. Es sind Sätze wie „Von nichts kommt nichts“, „Nach der Arbeit kommt das Vergnügen“, „Morgen, morgen, nur nicht heute sagen alle faulen Leute“ die unsere Gesellschaft geprägt haben, Leistung und Ergebnis über alles zu stellen, zu Funktionieren bis zum Umfallen, die Prioritäten völlig an den eigenen Bedürfnissen vorbei zu leben.

 

Ruhephasen sind unentbehrlich für Heilung, Integration und Transformation

Ich erlebe eine sich beschleunigende Dynamik in den inneren Prozessen, und das nicht nur bei mir selbst. Vielmehr nehme ich diese Zeit als eine kollektive Phase von intensiven Heilungsprozessen wahr, die uns oftmals in den Tiefen unserer Seele erschüttern und uralten Schmerz und unsere dazugehörigen Muster an die Oberfläche befördern. Manchmal fühle ich mich wie in einem Schleudergang und ich weiß, vielen anderen geht es ähnlich.

Daher ist es meiner Erfahrung nach ganz besonders wichtig, gerade nach heftigen inneren Prozessen das Bedürfnis des Körpers und der Seele nach viel Ruhe besonders ernst zu nehmen. Diese dringend nötigen Ruhephasen dienen der Integration neuer Realisationen sowie des erweiterten Bewusstseins und der inneren Transformation, die sich erst im Außen zeigen kann, wenn ihr der Raum geöffnet wurde, sie im Inneren abzuschließen. Bei mir äußert sich dieses erhöhte Ruhebedürfnis immer wieder darin, dass mein Körper viel mehr Schlaf wünscht, als sonst. Oft ist auch eine starke Sehnsucht nach Natur da, nach einem ziellosen Spaziergang im Wald, oder einfach nur so an einem See zu sitzen. Sich einfach hinzugeben an den Moment, der gerade ist und den unseren Seele genauso leben, erleben möchte, ohne all die Filter des Handelns, der Aktitivität.

 

Für mich ist es gerade eine spezielle Zeit, die mich langsam Frieden schließen lässt mit immer mehr alten Überzeugungen und Mustern, um sie gehen lassen zu können. In diesem Prozess spüre ich, wie zunehmend das Vertrauen in mich selbst wächst, in meine Seele hinsichtlich ihrer Impulse und Bedürfnisse. Ich erlebe, wie auch meine Seele an Kraft gewinnt, umso öfter ich ihren Impulsen folge. Wie sie sich mit jeder Entscheidung zu ihren Gunsten ein Stück weit mehr in meinem Leben zeigt, als würde sie mit der Zeit immer mutiger werden. Die kleinen Momente des Nichts tuns und der Ruhe sind eine elementare Nahrung für meine Seele. Es ist, als ob mein Körper, mein Geist und meine Seele sich diese Auszeiten nehmen, um ihre Einheit zu genießen, um sich gegenseitig zu wertzuschätzen. Es ist wie ein kurzes Nachhause kommen. Ich bin mir sicher, eines Tages wird dieses Gefühl dauerhaft möglich sein. Bis dahin wünsche ich mir sehr, zu lernen, meine Seele als höchste Priorität anzuerkennen und ihre Bedürfnisse, wann immer es mir möglich ist, zu leben.

 

 

Bilder:

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