Entscheidungen treffen: Was soll ich tun?

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Irgendwann, nachdem ich mich auf den spirituellen Weg begeben hatte, kam eine Phase, die ich heute als zweite Phase des Erwachens ansehe und „Hingabe“ nenne. Die spirituellen Erkenntnisse und Erfahrungen, die ich bis dahin gemacht hatte, wollten nun wirklich gelebt werden. Die Seele begann, sich immer stärker durch wenig hilfreiche Verhaltensmuster und seltsame Sicherheitsmechanismen hindurch auszudrücken. Es war klar, dass die Art wie ich bisher gelebt  und meine Entscheidungen getroffen hatte nicht mehr funktionierte. Alte Wege fühlten sich leer, irgendwie falsch an, was ich glaubte zu "sollen" verlor an Kraft, immer stärker wurde die Sehnsucht, wirklich der Seele zu folgen, nicht mehr irgendwelchen Ideen und Konzepten.

An diesem Punkt begann ich wie viele Menschen, mich auf einen Herzensweg zu begeben, meiner Intuition, meinen leisen Gefühlen zu folgen. Ich begann unter all meinen Konditionierungen und mentalen Überzeugungen, die Stimme meiner Seele wahrzunehmen. Erst zaghaft, dann immer stärker wurde in mir der Wunsch, wirklich authentisch meiner inneren Wahrheit zu folgen, all die Sachen sein zu lassen, die mir schon lange nicht mehr dienten und das zu tun, was mich wirklich nährte und wachsen ließ.


Entscheidungen im Nebel

Ich machte regelrechte Experimente mit Intuition, probierte zahlreiche Wege, wie ich herausfinden könnte, was das Herz und was der Verstand war, denn nicht immer war das in meinem Inneren fein getrennt voneinander – allzu oft war es ein Wust aus widersprüchlichen Gefühlen, Impulsen, Gedanken und möglichen Interpretationen von dem was ich da alles empfand. Diese Phase brachte unglaubliche Erfahrungen von Befreiung und Glück, aber sie machte mich auch zeitweise fast wahnsinnig.

Manche Entscheidungen lagen wie im Nebel, ich konnte einfach nicht fühlen, was meine Angst, was mein Herz, was mein Verstand war und die Frage machte mich verrückt. Was sich richtig anfühlte konnte gut zehnmal am Tag wechseln, es war zum verzweifeln. Das Ganze wurde nicht besser durch den Umstand, dass ich mir nicht selten Vorwürfe machte, meine Intuition nun wieder völlig verloren zu haben, dass ich eine undefinierte Angst hatte, etwas "Falsches" zu machen. Statt Klarheit zu schaffen und mein Leben zu erleichtern, lähmte mich die ganze Intuitions-Geschichte zeitweise fast.

Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, was da eigentlich passierte.


Entscheidungen: Sein statt Tun

In unserem innersten, unserem Zentrum, unserer Mitte wissen wir immer, was zu tun ist. Authentisches Tun fließt spontan aus authentischem Sein, als freie, spontane Antwort der Seele auf eine Situation. Es braucht keine Überlegung, nur ein ehrliches, zentriertes Spüren und die Antwort ist völlig offensichtlich. Das hatte ich oft erlebt - aber warum hatte ich in schwierigen Phasen scheinbar keinen Zugang dazu?

Die Frage, die einen in den Wahnsinn treibt, ist meist: "Was soll ich tun?" Durch unsere gesellschaftliche Prägung haben viele von uns eine große Betonung auf dem Tun und übersehen leicht, dass es weder um die Situation an sich, noch um das Tun geht. Es geht an erster Stelle darum, authentisch zu sein.

Wenn ich mich also an einem Punkt befinde, an dem ich nicht klar fühlen kann, was ich "tun soll" oder was die wahrste Entscheidung ist, wenn ich verwirrt bin, heißt das vor allem eines: Ich bin nicht in meiner Mitte, sondern habe mich irgendwo verheddert. Je mehr ich mich damit wahnsinnig mache, was ich "tun" soll, desto mehr verheddere ich mich weiter und übersehe oft, dass ich weit von meiner Mitte entfernt bin.

Das Leben wird uns immer wieder an das führen, was ich "blinde Flecken" nenne - Punkte an denen sich die Seele so sehr mit den Geschehnissen identifiziert, das wir uns zusammenziehen, verspannen und dadurch unsere Mitte verlieren. An diesen blinden Flecken können wir nicht klar sehen und fühlen, weil wir nicht in unserem eigenen Sein zentriert sind, sondern verstrickt in und identifiziert mit der äußeren Situation. Aber es sind genau diese Punkte, an denen wir wirklich wachsen, an denen wirklich Hingabe und Neuausrichtung passiert, an denen wir mit alten Verhaltensmustern, Glaubenssätzen, Gewohnheiten und Konditionierungen brechen. Das ist nicht immer einfach, weil viele starke innere Kräfte, Emotionen und starre mentale Strukturen im Spiel sind. Es ist eine Form von Selbstüberwindung in diesem scheinbaren Chaos die leise innere Stimme wiederzufinden und ihr trotz allem inneren Tumult zu folgen.

Es geht nicht um das Tun, es geht nicht um das Ergebnis, es geht nicht mal um die Situation als solche - es geht bei jeder Entscheidung um die Art, wie wir damit sind, um das Aufgeben von Anhaftung und Identifikation und um Selbstbefreiung. Statt sich auf das Tun zu versteifen, ist deshalb der erste Schritt, wieder in die eigene Mitte zu kommen, zurück zu absichtsloser Offenheit und absoluter Ehrlichkeit. Solange wir auf Ergebnisse fixiert sind und nicht auf reine Wahrheit, stehen die Chancen gut, dass unsere Intuition wie verschwunden scheint.


Entscheidungen sind Selbstrealisation

Jede Entscheidung, selbst die scheinbar kleinen, drehen sich nicht um das Tun oder das Ergebnis, sondern um Selbsterkenntnis. Wir geraten in Situationen und Entscheidungen, weil wir auf der Suche nach uns selbst sind, nach verlorenen/verzerrten Aspekten unserer Seele, die ich Essenzen nenne. Die Antwort, die wir auf eine Situation suchen, ist immer ein Ausdruck einer Essenz unserer Seele. Es ist ein Sein, das wir (wieder)finden und dass sich dann ausdrückt.

Wenn wir den engen Fokus auf die Situation loslassen können, und eine größere Perspektive einnehmen, kann dies helfen, aus scheinbar trivialen Situationen zu tiefen Einsichten zu gelangen. Verborgen in der Entscheidung, der Situation liegt eine Sehnsucht, eine Frage der Seele an sich selbst, die es zu beantworten gilt. Es ist nicht eine Situation, die wir lösen, sondern ein Knoten in unserem Inneren. Die äußere Situation ist nur ein manifestiertes Sinnbild dieses inneren Knotens.

Das Leben ist in meinen Augen in gewissem Sinne eine Art fortlaufende Familienaufstellung. All die Beziehungen, Situationen, Entscheidungen haben eine oberflächliche, konkrete Bedeutung, aber sie haben auch eine tiefere Ebene, die nicht konkret ist, sondern tief in unser eigenes Inneres zeigt. Das zu spüren, kann helfen, nicht im äußeren Drama verlorenzugehen, sondern stattdessen ehrlich alles zu fühlen, was in dieser Situation hochkommt und durch all diese Gefühle hindurch aus der Mitte unseres Seins eine authentische Antwort zu finden.

Jede Entscheidung trägt in sich die Sehnsucht nach einer Essenz des Seins, abstrakte Dinge, wie Freiheit, Liebe, Kraft, Mut - eine bestimmte Frequenz, die wir wieder integrieren möchten.

In schwierigen Situationen lautet die Frage also nicht: "Was soll ich tun?" sondern vielmehr "Wonach sehne ich mich hier wirklich? Welches Gefühl, welche Essenz ist hier das Thema?" Manchmal ist es nicht konkret zu benennen, es ist eben ein Gefühl, eine Frequenz, eine Seelen-Essenz.

Auch mit diesen Fragen ist die Antwort nicht immer klar. Aber sie führen in tiefere Schichten des Fühlens und Seins, und hinter diesen Schichten liegt der Punkt, an dem wir wieder wissen. Das Handeln fließt ganz von selbst authentisch, wenn wir wirklich authentisch sind und fühlen.

 

Entscheidung für die Essenz

Die Entscheidung ist eigentlich eine Entscheidung für die Essenz.

Ein Beispiel: Nehmen wir an du weißt nicht, ob du eine Beziehung verlassen sollst oder nicht. Du fühlst hinein und stellst fest, dass die Beziehung dir ein Gefühl von Beklemmung und die Trennung wie eine Befreiung erscheint. Der Gedanke allein zu sein, zu tun, was du fühlst, gibt dir ein erhebendes Gefühl der Freiheit, ein Gefühl wieder zu dir zu kommen. Du fühlst, dass es das ist, wonach du dich in der Tiefe sehnst.

Was hindert dich, diese Freiheit zu leben? Was hindert dich daran, authentisch bei dir zu sein, das zu tun, was du willst? Welche Anhaftung lässt die Beziehung zu einem Gefängnis werden? Die Befreiung liegt in der Essenz, darin diese wirklich zu leben und zu verkörpern.

Vielleicht fällt die Beziehung dabei ab, weil es mit dem Partner nicht funktioniert - das Leben wird diese Entscheidung offensichtlich machen. Die zentrale Entscheidung ist jedoch die, deine Freiheit wieder zu leben, dich nicht an Vorstellungen und Erwartungen zu binden.

Es kann richtig sein zu gehen oder zu bleiben. Wichtig ist aber vor allem, die Sehnsucht der Seele zu erkennen und ihr Ausdruck zu geben. Manchmal heißt das auch, dass es die scheinbare Entscheidung gar nicht gibt - sie war nur ein Mittel, zu dir selbst zu finden. In diesem kleinen Beispiel ist die Frage nicht "gehen oder bleiben", sondern "wie kann ich frei sein, wie drücke ich meine Freiheit aus, was bindet mich?"
 

Loslassen

Entscheidungen sind oft ein schwieriger Teil des Weges. Es sind die Punkte, an denen wir unseren versteckten blinden Flecken direkt ins Auge sehen müssen. Wann immer solche Punkte auftauchen, gibt es garantiert etwas zu entdecken.

Man sollte sich damit nicht verrückt machen. Ich weiß, dass man über schweren Entscheidungen buchstäblich wahnsinnig werden kann. Aber in den meisten Fällen ist es die Fixierung auf das Tun, die blockiert - oder zu viel Druck, statt wirklich sensitivem Fühlen. Wie immer zahlt es sich aus, die Anhaftung an das Drama loszulassen und sich selbst Raum zu geben, ins reine Erfahren zu gehen. Dann kann sich der Nebel lichten und die Ebene unter der Verwirrung wird wieder sichtbar.

Die Fragen "Was soll ich tun?", "Was soll ich denn dann machen?", "Was ist Verstand, was ist Herz?" sind selten hilfreich.

"Was fühle ich wirklich?", "Nach welchem Gefühl sehne ich mich hier?", "Kann ich diese Situation loslassen und wieder in meine Mitte kommen?" sind oftmals viel fokussierter und bringen uns schneller wieder in Kontakt mit dem Punkt in uns, der immer weiß.

 


Bild: Bestimmte Rechte vorbehalten von Bogdan Suditu