Fließen statt Wissen

Bild des Benutzers David

In meiner Arbeit als Redakteur bin ich immer wieder mit den Grenzen meines Weltbildes konfrontiert. Mit dem, was ich zu wissen glaube und für Wahrheit halte - eine gute Übung auf meinem Weg vom Kopf ins Herz.

Gerade haben wir in meinem Magazin einen Artikel veröffentlicht, der mich an eine solche Grenze gebracht hat. Eine Diskussion um das Thema entbrannte in der Redaktion, und ich merkte, wie ich mich innerlich energetisch anspannte und verkrampfte, wie mein Verstand begann, zu arbeiten und meinen Standpunkt zu verteidigen. Nach zwei Tagen, diversen Emails und verwirrender Recherche saß ich dann im Wohnzimmer und spürte dieser Anspannung nach, als plötzlich ein tiefes Loslassen geschah: Ich weiß es nicht.

Ich spürte eine starke Energie in meinem Herzen aufsteigen und wie mein Bewusstsein sich ins Unendliche ausdehnte. Für einige Augenblicke war jede Idee von einer Person verschwunden und nur reines Gewahrsein, tiefer Frieden und ein Gefühl von Unendlichkeit schwangen in der Stille. Ich habe solche Erlebnisse häufiger, trotzdem war dieses für mich bemerkenswert, weil ich zunächst überhaupt nicht verstand, warum es in diesem scheinbar belanglosen Zusammenhang geschah.


Sicherheit und Identität

Erst später, als ich dem Geschehnis nachspürte, konnte ich sehen, was passiert war. Dies hat mir viel beigebracht über den Verstand und wie ich als Person funktioniere - wie zentral in meinem Fall die Anhaftung an Konzepte war und auch warum.

Mein Geist hatte eine Identifikation um meinen Standpunkt und Konzepte im Allgemeinen gebildet, die sich im Moment des Loslassen aufgelöst hatte. Indem ich diese Identifikation losließ, konnte sich mein Bewusstsein wieder ausdehnen.

Woher aber kommt eine solche Identifikation?

Für mich stellt es sich so dar: Die Aufgabe des Verstandes ist es, das Überleben zu sichern und dazu  braucht er notwendig "eine Antwort auf jeden Moment" - es darf keinen Moment geben, den er nicht verstehen und kontrollieren kann, den er nicht zu lösen und „reparieren“ vermag.

Je unsicherer nun ein Mensch in sich selbst ist, desto größer wird die Notwendigkeit für den Verstand, Sicherheit aus abstraktem Denken zu generieren. Es sind solche Menschen, von denen wir sagen, sie wären "sehr im Kopf". Es sind Menschen, die keine Sicherheit in ihrem Körper und der Welt finden, die nicht in ihrem Herz verweilen können und deshalb Zuflucht im Verstand nehmen. Das war bei mir der Fall. Mein Referenzsystem, aus dem ich mir Sicherheit generierte, waren meine abstrakten Konzepte. Weil mein Gefühl von Sicherheit - und damit aus der Sicht des Verstandes auch mein Überleben - so sehr von ihnen abhing, hatte ich eine große Identifikation mit meinen Konzepten und Meinungen entwickelt.

Die unbewusste Obsession damit, "eine Antwort auf den Moment finden zu müssen", war zu einer Art unterschwelligem und permanentem Stress in meinem System geworden. Eine Anspannung, um die herum sich große Teile meiner Identität formiert hatten. Mit meiner spirituellen Entwicklung hatte diese Identifikation zwar nachgelassen, aber die Angewohnheit "wissen zu müssen" war immer noch tief verankert und es formten sich leicht Identitäten um Meinungen und Ideen - mein Bewusstsein zog sich wieder zusammen.

Wenn es mir jedoch gelang, all dies loszulassen, inklusive der Idee, eine Antwort auf den Moment finden zu müssen, dehnte sich mein Bewusstsein wieder aus. Meine Sicherheit entsprang nun meinem So-Sein selbst, der selbsterklärenden Perfektion des Moments.

Wie war es bloß dazu gekommen, dass ich eine solche Obsession mit Konzepten entwickelt hatte?


Das Entstehen von Sicherheit

Die Antwort kam einige Tage später durch ein Buch zu mir. In "Die eigene Welt des Kindes" (das dringend zu empfehlen ist) beschriebt Joseph C. Pearce, wie Sicherheit im Laufe der Entwicklung entsteht, und zwar auf eine Weise, die sehr dem entspricht, wie ich es energetisch wahrnehme: Normalerweise bekommt der Mensch zunächst Sicherheit durch die Mutter, indem er sofort nach der Geburt und in den ersten Monaten in ständigem Körperkontakt mit der Mutter ist. Die Mutter ist auch später der Ort seiner Sicherheit, zu dem er stets zurückkehren kann und von dem ausgehend er die Welt erkundet. Das Kind hat eine tiefe energetische Verbindung zur Mutter, ein unsichtbares Band, das sie stets verbindet. Zunächst ganz offensichtlich durch das Säugen und die Pflege, später etwas subtiler ist sie das Zentrum und der Garant des Überlebens.

Etwa um das sechste Lebensjahr löst sich dieses Band und der gesunde Mensch beginnt eine neue Verbindung knüpfen: Zu Gaia, der Mutter Erde. Fortan ist sie sein sicherer Ort, seine Geborgenheit und Mutter. Egal wohin dieser Mensch auf diesem Planeten geht, er ist stets sicher und ohne Angst, er ist zuhause. Im Laufe der Teenagerzeit gesellt sich zu dieser Grundsicherheit eine persönliche Sicherheit, eine Gewissheit über den eigenen Wert und die eigenen Fähigkeiten, eine tiefe Freundschaft mit sich selbst als Person. Im Erwachsenen-Alter dehnt sich diese dann aus auf das Bewusstsein, die Über-Seele des geistigen Universums, in welchem der Mensch als spirituelles Wesen seine Heimat erkennt.

Bei mir selbst und vielen anderen ist eine oder mehrere dieser "Matrixen" (Matrix bedeutet Mutter) nicht gesund und ausgebildet, weil unsere Beziehungen zur Mutter, zur Welt und uns selbst auf vielfältige Weise gestört wurden, oder der Übergang von einer Matrix zur anderen misslungen ist. Um die nächsthöhere Matrix auszubilden, benötigen wir aber jeweils die gesunde Grundlage der vorhergehenden, sonst hat sie sozusagen "Löcher".

Darum, und durch ständige entsprechende Stimulation durch die Gesellschaft, entstand bei mir eine übermäßige Bindung an den Verstand. Weil mir eine grundlegende Sicherheit fehlte, war es schwer, eine völlige Offenheit in Bezug auf Konzepte zu bewahren und mit Meinungen umzugehen, die mein eigenes Konzept ins Wanken brachten. Ich fühlte mich buchstäblich persönlich bedroht.


Die kleinen Lektionen des täglichen Lebens

Der Grund, warum ich diese Geschichte eines Artikels würdig erachte, ist, dass sie wundervoll zeigt, wie kleine Dinge des Alltags zu großen Realisationen führen können, wenn wir uns erlauben, ihnen nachzuspüren.

Für mich selbst war es ein weiterer Schritt auf meinem Weg vom Kopf ins Herz. Ich glaube, dass wir alle global diesen Schritt tun müssen, denn noch immer sind Menschen bereit, für eine abstrakte Meinung zu töten - so weit geht unsere Identifikation. Dabei spielt es keine Rolle, ob etwas wahr ist, oder nicht, oder was wir glauben. Wichtig ist, ob wir um unsere Meinungen einen Raum offenhalten können und es anderen zugestehen, anders zu denken. Die kommenden Zeiten werden uns reichlich Gelegenheit geben, Glaubenssätze loszulassen und unsere Anhaftung und Identifikation mit Verstandes-Konzepten aufzulösen - um eine tiefere Wahrheit jenseits von ihnen in uns selbst zu entdecken.

 

Fließen statt Wissen

Keine Antwort mehr auf den Moment haben zu müssen, ihn nicht mehr manipulieren und kontrollieren zu müssen, ist eine unvorstellbare Erleichterung. Lange Zeit habe ich geglaubt, mit zunehmender spiritueller Evolution würde ich irgendwann immer "wissen", was in einer Situation zu tun sei. Aber zunehmend erkenne ich, dass da kein Wissen ist, sondern spontanes Aufsteigen von Handlung aus einem Raum völliger Offenheit. Ich weiß nicht, was zu tun ist, sondern tue es, als Folge eines natürlichen Flusses, der sich durch jeden Moment zieht.

Ein solches Fließen ist nicht möglich, wenn ich an Meinungen anhafte oder mich mit ihnen identifiziere. Es erfordert ein permanentes Loslassen in Präsenz und den Herzraum hinein, ein Zustand, in dem alles ganz natürlich geschehen darf.

 

Bilder: Fluss - mr_fairuz flickr CC-by-nc; See - 4 Colour Progress flickr by-nc