Gemeinsam frei sein - Beziehungen im Wandel

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Unsere Beziehungen sind für mich ein Lernfeld von unbegrenztem Ausmaß.

Doch was heißt es wirklich, eine Beziehung auf einer neuen Ebene zu führen? Was bedeutet es im Alltag, all die Dinge, die uns bewusst wurden über uns selbst, in unseren Beziehungen zu verwirklichen? Wie kann ich völlig überholte Denk- und Verhaltensmuster loslassen? Welche Form der Beziehung führt mich wirklich zu mir selbst?

Die zunächst grundlegende Erkenntnis für mich in Bezug auf alles, was mir im Außen begegnet inklusive meiner Partnerschaft, ist die Annahme dessen, dass dies alles mich spiegelt. Es ist mein Spiegelbild, die Maßeinheit meiner inneren Verfassung, das Thermometer meiner Glaubenssätze, die Tafel für meine Gedanken. Als ich meinen jetzigen Partner traf, war ich mir bewusst, wie nutzlos Projektionen sind, wie überflüssig all die inszenierten Dramen und die „Du-bist-Botschaften“ sind, mit denen ich so oft in meinem Frust meine jeweiligen Partner überhäuft hatte. Ich war der festen Überzeugung, ab sofort jede Situation offen und ehrlich als mein Spiegelbild anzusehen, und sei es noch so unangenehm. Das war die Theorie, die Bewusstwerdung, ohne der kein weiterer Schritt möglich ist. Die Praxis, der Alltag sollte die tatsächliche Herausforderung darstellen.

 

Der Verlust der eigenen Integrität

So sehr es dem Menschen gelingt, als Single sich selbst treu zu bleiben, halbwegs in seiner Mitte zu ruhen und ob dieser Zentriertheit ein hohes Maß an Attraktivität auszustrahlen, ich erlebe an mir selbst und um mich herum, wie diese Integrität in fast jeder Beziehung auf eine harte Probe gestellt wird. Die meisten von uns haben in ihrer Kindheit gelernt, dass Liebe an Bedingungen geknüpft ist, dass sie, als wertvollstes alles Güter, da überlebenswichtig bis zu einem bestimmten Alter, nur dann ungehindert fließt, wenn wir uns auf eine bestimmte Weise verhalten. Ich persönlich kenne wenig Menschen, die in ihrem Leben je bedingungslose Liebe erfahren durften.

Diese Konditionierungen tragen wir in unsere Beziehungen. Ganz unbewusst. Ganz schleichend. Ein relativ unbewusster Teil von uns ist immer auf der Lauer, welche Anforderungen die jeweiligen Situation an uns stellt, welches Verhalten gerade welche Reaktion hervorruft, welche Seite von uns liebenswerter ist usw. Und so kommt es nicht selten vor, dass aus dem tättowierten Rocker ein Couchpatatoe wird. Und aus der süssen Hippiefrau eine angepasste Mutter. Ich beginne mich selbst zu verraten, um geliebt zu werden. Dahinter steht die Angst vor Ablehnung. Und die Urangst davor, verlassen zu werden. Noch extremer wird die Dynamik, wenn ein notorisch schlechtes Gewissen ins Spiel kommt. Getragen von dem Glaubenssatz, nur geliebt zu werden, wenn ich hart dafür arbeitete, habe ich mich so manches Mal in einer Spirale aus Geben und noch mehr Geben wiedergefunden und wurde trotzdem immer von dem Gefühl begleitet, es war nie genug und wird nie genug sein. Ständig auf der Suche nach Anerkennung für die vorbildliche Aufopferung, ohne dass dieser Hunger je gestillt werden könnte.

Ich habe es oft erlebt und beobachtet, wie dieser alltägliche Verrat im Inneren um der vermeintlichen Liebe willen im Laufe der Zeit einen so unberechenbaren, unbewussten Frust schürt, dass so manches Mal aus Liebe Haß und Verachtung wurden, oftmals Gleichgültigkeit und Rückzug. Und keiner der Beteiligten wusste, was mit ihm oder ihr geschieht. Wie man solche Gefühle, nach außen getragen oder nicht, gegenüber dem Menschen hegen kann, in dem man vor gar nicht allzu langer Zeit so sehr verliebt war. Mit der Zeit leben zwei Menschen zusammen, die sich gefangen fühlen in einem selbst gebauten Käfig voller selbst auferlegter Zwänge, nicht selten in der irrigen Annahme, diesen Käfig hätte ihr Partner, ihre Partnerin gebaut – nichtsahnend, dass die Gitterstäbe allein in ihrem Inneren zersägt werden können.

 

Seine eigenen Wurzeln entdecken und pflegen

Mein eigenes Erleben führte mich dahin, hinter dem immensen Schmerz der Ablehnung und des Verlassen werdens eine Wahrheit zu erkennen, vor der ich mich mein ganzen Leben lang gefürchtet hatte: ICH BIN ALLEINE. Ich bin alleine gekommen und werde alleine gehen. Alle Versuche, Energie, Liebe, Heimat, ein zu Hause, Geborgenheit von einer anderen Person zu bekommen, nähren eine fatale Illusion. Alle Bemühungen, meine  Sehnsüchte dadurch zu befriedigen, indem ich mich an jemanden anderes andocke, führen nur zu der immer wieder kehrenden Wiederholung desselben Leids. Derselben Enttäuschung. Und am Ende wird immer dieselbe eine Wahrheit stehen. Diese Wahrheit war ebenso hart, wie schockierend, wie nüchtern, wie einleuchtend.

David hat in diesem Zusammenhang ein wunderschönes Bild gezeichnet: mein ganzes Leben lang habe ich mich von den Wurzeln anderer Bäume ernährt, bin von Baum zu Baum gegangen, um deren Wurzeln anzuzapfen, um mich mit Nährstoffen zu versorgen und habe dabei völlig vergessen, dass auch ich ein Baum bin, mit eigenen Wurzeln. Das ich alles in mir trage, um mich autark zu versorgen. Ich muss nur genau hinschauen. Wollen.

Für mich wurde es genau an diesem Punkt Zeit, die eigene Wurzel zu sehen, sie zu fühlen, sie zu entdecken. Und mit dieser einzigen, bewussten Entscheidung konnte ich sie mehr denn je wahrnehmen. Ich konnte spüren, welch unendliche Freiheit mir diese meine eigenen Wurzeln schenken. Dass es NICHTS, rein gar nichts gibt, was ich tun muss, dass ich mich nicht mehr verbiegen und verstellen muss, um geliebt zu werden, dass ich frei bin. Ich bin Liebe, in Freiheit. Weil es nichts gibt, was ich brauche, Von niemandem. Alles ist in mir. Im Überfluss. Vielleicht klingt dass alles sehr pathetisch. Aber für mich war das Gefühl dieser Freiheit begleitet von einer besonderen Klarheit. Auch wenn dieser besondere Moment des Fühlens in seiner Intensität zeitlich begrenzt war, so begleitet er mich seit einigen Wochen wie ein treuer Freund. Und ich weiß tief in mir, alles, was mir begegnet, dient dazu, Muster aufzulösen und gehen zu lassen, die diese eine Wahrheit verschleiern oder verzerren.

 

Altes gehen lassen

Während ich dieser Wahrheit begegne, stellt sich Stück für Stück alles auf den Kopf, was ich je über Beziehungen gelernt und gedacht hatte. Sämtliche gesellschaftliche Normen, wie eine „glückliche“ Beziehung auszusehen hätte, wie sie im Alltag gelebt werden sollte, welche Attribute sie zu erfüllen hätte, all dies verblasst gerade in einem beeindruckenden Tempo. Ich erlebe, wie sehr ich mich innerhalb einer Beziehung selbst beschränkt habe in Bezug auf meine eigenen Bedürfnisse, auf innere Impulse, darin, meine Träume ohne Grenzen zu träumen und zu leben. Wie oft sind mir Dinge begegnet, eine bestimmte Reise, ein Ort, an dem ich gerne eine zeitlang gewohnt hätte, meist spontane Impulse, denen ich gerne gefolgt wäre, die ich aber sooft mit der Begründung, dass es nicht geht, weil mein Partner nicht darauf klar käme, wieder in den Keller meiner Seele gesperrt habe. Wohlbemerkt:  ICH habe sie weggesperrt, nicht mein Partner.

Ein interessantes Thema in diesem Zusammenhang ist das Thema gemeinsam Schlafen. Nächtigen, nebeneinander, in einem Bett. Seit Jahren schlafe ich unruhig in der direkten Energie einer anderen Person. Mein Partner auch. Aber niemand hat sich bisher gewagt, diese Bastion in Frage zu stellen. Seinem inneren Bedürfnis nach Freiraum beim Schlafen zu folgen. Weil man so geprägt ist von der Norm, dass man in einer Beziehung zusammenschläft. Sonst stimmt irgendetwas nicht. Sonst entfernt man sich voneinander. Wo ist denn dann die Leidenschaft hin?  Zumindest uns ging es so. Bis wir uns einfach befreiten. Davon, was wir selbst als Glaubenssatz verinnerlicht hatten, davon, was andere dazu dachten, hin zu dem, was wir tief in unserem inneren als authentisches Bedürfnis verspüren. Dies sei nur ein Beispiel für all die vielen Ansätze, die unser Bild dahingehend, wie eine Beziehung zu sein hat, geprägt haben. Die oftmals völlig konträr sind zu unserem inneren Gefühl.

Ich fühle, dass es Zeit ist, all die Konventionen gehen zu lassen, um Platz für etwas Neues zu machen. Uns zu erlauben, unseren authentischen Impulsen zu folgen. Unserer innere Wahrheit uneingeschränkt die oberste Priorität einzuräumen. Keine Lust auf Familienfeier? Dann geh ich nicht hin. Ein Kribbeln im Bauch bei dem Gedanken, für eine gewisse Zeit alleine nur mit Rucksack und Zelt durch die Natur zu streifen? Dann los. Ich fühle, dass eine Beziehung erst dann wirklich frei sein kann, von Abhängigkeiten und Energieverklebungen, wenn sich beide trauen, ihre Impulse und Bedürfnisse offen und ehrlich zu leben. Wenn sie sich der Angst stellen, nicht geliebt zu werden, wenn sie sie selbst sind. Dem schlechten Gewissen, nicht genug zu sein, wenn sie etwas für sich tun. Während wir all diese Emotionen würdigen, sie fühlen und umarmen, neue Wege zu beschreiten. Den Mut haben, unsere Bedürfnisse zu leben, uns endlich im Inneren den Raum zu geben, nach dem wir uns schon so lange sehnen.

Es ist Zeit. Für ein freies Zusammenspiel zweier Seelen, die miteinander lernen, sich selbst treu zu bleiben. Die zusammen entdecken, wie frei sie tatsächlich sind. Die nach und nach alle Illusionen in sich aufdecken, behutsam in Liebe, in absoluter Ehrlichkeit und schonungsloser Offenheit. Die gemeinsam einen Raum kreieren, in dem jeder genau das SEIN darf, was er gerade in diesem Augenblick ist. In dem die höchste Wahrheit jedes Einzelnen sein wertvollestes Gut ist.

 

Ich bin sehr dankbar für meinem Partner, meinen Freund und Seelengefährten, der mit mir dieses intensive und zutiefst menschliche Lernen möglich macht- aus dem unendlichen Potential unseres Seins.

 

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