Kapitulation

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Es gibt einen Raum jenseits von Emotionen und Drama, von Wollen und Müssen, von Kontrolle und Abhängigkeit, von all den  beengenden Kreationen unseres Egos. Die Tür dieses Raums öffnet sich durch die komplette Hingabe an unseren Urschmerz, unsere größten Ängste und all die Horrorszenarien, die wir in uns tragen. Der Schlüssel ist das vollständige Aufgeben – die Kapitulation unseres Egos.

In der letzten Zeit sah ich mich mit einer zunehmend beschleuinigten Dynamik mit all meinen so gut gedeckelten Ängsten konfrontiert, ich erlebte mich in dem energieverschlingenden  Versuch, alles weiterhin zu  kontrollieren, den Ausgang zu beeinflussen und musste schmerzvoll erleben, wie meine Versuche, Einfluss zu nehmen, festzuhalten, Erwartungen zu manifestieren nur mehr und mehr dazu führten, dass mir nach und nach so ziemlich alle Bereiche meines Lebens  entglitten. Mit großer Hilflosigkeit und wachsender Verlustangst inszenierte ich Dramen über Dramen, stellte mich gegen das Unausweichliche, verlor mich in intensivsten Emotionen, immer bemüht, diese durch eine Veränderung der Umstände nicht wirklich spüren zu müssen. Umso mehr ich hilflos zusehen musste, wie meine sicher geglaubte Welt zerbrach, umso stärker entwickelte ich meine alten Abwehrmechanismen, umso höher war mein Energieverlust. Ich fühlte mich wie ein Ertrinkender bei dem Kampf um Leben und Tod.

Jenseits der Emotion

Irgendwann in dieser tief emotionalen und chaotischen Zeit begegnete mir dieser magische, mein Leben zutiefst verändernde Moment. Ich lag in meinem Bett, verloren in Schmerz und Angst und konnnte zum ersten Mal fühlen, wie ich aufgab. Wie meine Kraft nicht mehr ausreichte, um auch den noch so kleinsten Widerstand aufrecht zu erhalten. Es gab eine Instanz in mir, die hatte von all dem Kampf genug. Die Sehnsucht nach Frieden und Stille war in diesem Augenblick grösser als die Angst vor dem Fühlen des immensen Schmerzes in mir. Und so kam es, dass ich kapitulierte. In diesem zutiefst magischen Moment passierte etwas für mich nie zuvor Erlebtes und bis heute Unbegreifliches. Ich entdeckte den Raum jenseits von allem, was ich bisher als meine Realität wahr genommen hatte. 

Außerhalb von jeglicher Verstandesebene öffnete sich mir ein Zugang zu etwas Höherem. All die Geborgenheit und Liebe, nach der ich mein gesamtes Leben gesucht hatte, im Außen, in Beziehungen, Freundschaften, familiären Kontrukten, alles war  mit einmal dar. Es war in mir. Mich durchfluteten diese Warmen Gefühlen, derer ich mich so lange gesehnt hatte, wie ein nie endender Strom der  vollständigen, existenziellen Liebe. Ich fühlte eine seltsam vertraute Verbundenheit, ein Angekommensein, das Gefühl von zu Hause.  Diese Erfahrung sollte von nun an mein Begleiter werden und hat in meinem Inneren wie im Außen so ziemlich alles auf den Kopf gestellt.

Grenzenlosigkeit

Nach einer Weile sah ich klarer als je zuvor, wie alle Ideen von Abhängigkeit und Brauchen nur eine Illusion meines Verstandes waren, wie ich mich selbst in einer existenziellen Weise klein gehalten und begrenzt hatte, wie bisher jede noch so aufrichtig in Liebe gemeinte Handlung nur ein Versteckspiel meiner wahren Intension war, zu kontrollieren, zu besitzen und zu bekommen. Natürlich ohne es besser zu wissen. Allem lag der Irrtum zugrunde, dass ich selbst unvollständig bin, dass es Bedürfnisse gibt, für deren Befriedigung die anderen zuständig sind. Niemals, trotzdem ich etliche spirituelle Bücher gelesen hatte, Seminare besucht habe, hätte ich es für tatsächlich möglich gehalten, dass es diesen Raum für mich zugänglich gibt, indem ich all das erfahren kann, in dem mir all meine tiefen Sehnsüchte erfüllt werden – durch mich selbst. Ich konnte klar fühlen, wie sehr ich mich bisher selbst begrenzt hatte, mein ganzes Leben lief wie ein Film vor meinem inneren Augen ab und sovieles machte mit einem Mal Sinn. Angesichts dieser Bewusstwerdung kann ich auf magische Weise spüren, wie grenzenlos wir tatsächlich sind, welches unerschöpfliche Potential in uns steckt und das die Idee von Abhängigkeit eine Illusion ist, eine Lüge entsprungen aus der eigentlichen tiefen Sehnsucht, uns wieder mit uns selbst zu vereinen.

Meine Seele kann sich niemals im Drama ausdrücken

In den darauf folgenden Tagen wurde mir mehr und mehr die Bedeutungslosigkeit all der kleinen und großen Dramen meines Lebens bewusst. Retroperspektiv kam mir alles wie ein großes Theaterstück vor – an manchen Stellen musste ich sogar Lachen ob des Wahnsinns meiner Inszenierungen. Soviel Leid, Tränen und Verletzungen – wofür?  Ich konnte tief in mir die Wahrheit spüren, dass all das, was ich erlebte und erlebe, eine Erfahrung ist, nicht mehr und nicht weniger, dass die Entscheidung darüber, welche Bedeutung und Priorität ich der jeweiligen Erfahrung beimesse, in meiner, nur in meiner Hand liegt. Natürlich begegenen mir weiterhin fast täglich Momente,die mich emotional berühren. Anders als bisher ist es mir möglich die mit dem Erlebten verbunden Emotionen wieder gehen zu lassen, dort, wo ich mich bisher so manches Mal bis zum Exzess verbissen und in endlosen Dramen verloren habe. Meines zu mir zu nehmen, aber auch alles, was nicht zu mir gehört, da zu lassen, wo es hingehört.

Mit dem Tag meiner Kapitulation begegnete ich meiner Seele, meiner wahren Essenz, die ich seitdem klar und eindeutig fühlen kann. Dieses Fühlen ermächtigt mich, tatsächlich zu wählen, von welcher Ebene aus ich handle – von der emotionalen Ebene oder von meiner Seelenebene. Und jeder Moment, in dem sich meine Seele ausdrücken kann, ist begleitet von wahren Glücksgefühlen und Authentizität. Selbst wenn es Begebenheiten gibt, in dem die Verlockung zu der Inszenierung eines kleinen Emo-Dramas nicht ignoriert werden kann, so bin ich doch in der Lage zu wählen. Dort, wo ich bisher nur mitgerissen wurde von dem Strudel meiner chaotischen Emotionen ist heute ein Augenblick der Ruhe und Stille, ein Heraustreten aus dem Geschehen und die Ermächtigung zur inneren Wahl meines Handelns. Allein dieser Aspekt ist für mich ein Wunder, dachte ich mich doch so lange, meinen Emotionen komplett ausgeliefert.

Liebe ist Frei

Mein bisheriges Leben, vor allem meine Art Beziehungen zu führen, Revue passierend, musste ich mir in tiefer Ehrlichkeit eingestehen, dass ich bisher bestenfalls einen billigen Abklatsch von Liebe gelebt und erfahren hatte. Das, was ich für Liebe hielt, war eineengend für alle Beteiligten und viele meiner Handlungen und Impulse waren von Verlustangst motivert oder zielten auf direkte oder indirekte Bedürfnisbefriedigung aus. Ich dachte immer, ich könnte frei lieben und musste mir nun eingestehen, dass ich mir auf so vielen Ebenen selbst etwas vorgemacht hatte. Das ich in meinem ganzen Leben nie eine Beziehung auf Augenhöhe geführt hatte.

Erst die tiefe, umwälzende Erfahrung, die Bewusstwerdung meiner eigenen Vollständigkeit ermöglichte mir diese Erkenntnisse. Und gleichzeitig fühlte ich zum ersten Mal, was Liebe wirklich ist und wie unglaublich viele Ideen davon ich gehen lassen muss. Worte sind zu banal, um dieses Gefühl von Liebe in ihrer Essenz zu erklären,  aber sie ist vor allem eins – frei. Sie hat keine Erwartungen, sie ist niemals abhängig und sie ist frei von Wollen und Kopfbildern. Liebe ist mir möglich, wenn ich immer wieder zu mir selbst zurück kehre als der Quelle dieser Liebe – kein anderen Mensch kann für mich jemals die Quelle dieser Liebe sein.

Man kann nichts dafür tun

In meinem Erleben gibt es keine Technik oder gar eine bestimmte Herangehensweise, um eine stückweise oder vollständige Kapitulation zu erzwingen oder zu beschleunigen. Ich empfinde es als einen zutiefst individuellen und intimen Prozess, der von vielen persönlichen Faktoren abhängt.  Ich habe oft erlebt, dass das zielgerichtete Erzeugen eines bestimmten Zustandes, das vehemente Wollen einer Selbstveränderung und das permanente Herumdoktorn an der Persönlichkeit auch viel blockieren kann.  Weil dabei immer auch eine Form der Selbstverurteilung eine Rolle spielt. Weil meist ein Nicht-haben-Wollen von dem, was gerade ist, die Motivationsgrundlage bildet. Auch wenn ich nicht im Detail sagen kann, was bei mir den Weg geebnet hat, diese grundlegende innere Wandlung anzustoßen, so ist es ab einem gewissen Punkt zumindest die vollständige tiefehrliche Akzeptanz dessen gewesen, was gerade ist, mit jeder Zelle meines Seins. Mit dem Rücken an der Wand – ermüdet vom monatelangen sinnlosen Kampf gegen das Unaufhaltbare.

Ob der absoluten Unmöglichkeit, durch mein Tun auch nur das klitzekleinste Detail an den äußeren Umständen meines Lebens zu verändern und durch die tiefe Hingabe an diese existenzielle Hilflosig- und Ausweglosigkeit hat sich diese neue Dimenstion geöffnet.  Den Rest empfinde ich nach wie vor auch als Gnade.

Das unglaubliche Befreiungsgefühl, dass ich spüre, seitdem ich all dies erleben und erfahren durfte, ist schlichtweg unbeschreiblich . Ich begegne mir selbst völlig neu, vielleicht zum ersten Mal überhaupt. Alles, was meinen Lebenskontext ausmacht, verändert sich mit mir auf magische Weise als Spiegel meiner inneren Wandlung und ich bin fasziniert und gleichzeitig zutiefst dankbar für diese intensivste Zeit meines Lebens.