Loslassen - aber wie?

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Der spirituelle Weg war und ist für mich ein Weg ständigen Loslassens. Es mag sein, dass ich auch Wahrheit gefunden habe, vor allem aber habe ich meine Lügen losgelassen. Es ist kein "groß und mehr" werden, sondern eher ein "nackt und leer" werden, ein Fallen in Hingabe, ein Aufgeben und Öffnen.

Loslassen ist fast eine Art Paradox. Es ist eine aktive Hingabe, nicht bloß Passivität. Aber es ist auch kein gewöhnliches „Machen“. Es ist ein Tun, das an der Grenze zum Nicht-tun lebt. Es ist so leicht und so schwierig. Es braucht unser ganzes Herz, all unsere Kraft und Präsenz, unsere ganze Sanftheit, unsere Weisheit, unsere Liebe und unseren Mut. Man kann Loslassen selbst nicht "tun", es ist mehr ein ent-Tun, ein Aufhören des Klammerns, eines Klammerns, das wir gar nicht mehr als Aktivität wahrnehmen, weil es so sehr wir selbst geworden ist. Manchmal wollen wir Dinge so sehr loslassen, wissen aber nicht wie - dabei sind wir doch die Einzigen, die es festhalten! Wir bilden uns ein, wir wollten es loswerden, und halten es doch eigentlich selbst fest.

Loslassen geschieht, wenn wir völlig akzeptieren, nichts ändern wollen, sondern einfach völlig wach wahrnehmen und spüren.

 

Loslassen von Identifikation und Anhaftung

Was wir loslassen, sind vor allem zwei Dinge: Identifikation und Anhaftung. Und nichts ist schwieriger als das. Mitunter ist es, als sollte man die Brücke sprengen, auf der man gerade steht, darunter nichts als bodenloser Abgrund. Wie soll das gehen? Wenn wir uns identifizieren, bedeutet das eben das: Dass wir fest glauben, wir wären etwas, etwas gehörte ganz zu uns. Wie kann man sich selbst loslassen?

Anhaftung kann so vieles sein. Manchmal sind es Spielchen, Lügen über uns selbst oder Geschichten, die uns so vertraut geworden sind, dass wir nicht mehr wissen, wer wir ohne sie wären – so real für uns, dass wir uns nicht mehr vorstellen können, dass es nur Geschichten sind.

Manchmal ist es ein Schmerz, von dem wir glauben, wir könnten ihn nicht aushalten, und vor dem wir uns darum verschließen, was eine Spannung in uns erzeugt, die zu unserer zweiten Natur geworden ist. Ein energetischer Krampf, den wir gar nicht mehr wahrnehmen.

Manchmal ist es etwas in unserem Leben, ohne das wir glauben, nicht sein zu können, an das wir unsere Kraft abgeben, dem wir es erlauben, uns zu definieren.

All diese Dinge zerstreuen die Aufmerksamkeit der Seele in kleine Lügen-Fragmente. Wir können uns nicht mehr sammeln, nicht wirklich in den Strom unseres wirklichen Lebens treten. Wir sind tausend kleine zersplitterte Dinge, völlig verloren in einem wirren Traum aus Illusionen. Identifiziert mit einer winzigen Idee, bleibt die Weite und Größe unserer wahren Natur unerkannt. Wir sind wie der Himmel, der glaubt, eine Wolke zu sein.


Loslassen - die drei Aspekte der Erscheinungen

Loslassen ist ein Prozess auf sehr vielen Ebenen. Die Anhaftung an physische und emotionale Erfahrungen, an Gedanken, Konzepte und Glaubenssätze, an spirituelle Zustände, an Identitäten, unsere Süchte, unsere Hoffnungen - all diese Dinge wird der Weg uns nehmen, eins nach dem anderen. Wir können es uns zappelnd und schreiend aus den Händen reißen lassen, oder wir öffnen uns, und diese Dinge fallen nach und nach von selbst ab. Meistens schreien und zappeln wir.

Was ich heute teilen möchte, ist ein altes buddhistisches Konzept, das helfen kann, loszulassen. Es ist eine tiefe Kontemplation über das Wesen der Realität und unsere wahre Natur, aber es kann auch als Technik verwendet werden, um das Loslassen zu erleichtern.  Ziel ist es, die Anhaftung und Identifikation durch tiefe Einsicht aufzuweichen. Ich nenne das Konzept „Die drei Aspekte der Erscheinungen". Sie lauten:

1. Vergänglichkeit
2. Nicht-Erfüllung/Leiden
3. Nicht-Selbst

Alle Erscheinungen, die nicht unsere Seele sind, erfüllen sämtliche dieser drei Aspekte. Zu üben, sie in allen Dingen zu sehen, kann helfen, unter die Oberfläche der Illusionen zu tauchen und auf eine tiefere, wahrere Ebene zu gelangen. Was hat es also mit diesen drei Aspekten auf sich und was sagen sie aus?


Vergänglichkeit

Alles vergeht, nichts ist beständig. Diese Welt der Erscheinungen ist eine Welt der Veränderung, sie zerrinnt wie Sand, in jedem einzelnen Moment. Alles, was einen Anfang hat, hat auch ein Ende. Jede Empfindung, jedes Gefühl, jeder Gedanke, jede Situation, jede Erfahrung - alles ist vergänglich, ist nur eine flüchtige Erscheinung, die vorüber zieht. Und was immer kommt und geht, ist nicht unsere wahre Natur.

Wir haben verlernt, diese Vergänglichkeit zu sehen und durch sie hindurch zu fallen. Wir versuchen, etwas Flüssiges zu etwas Festem zu machen. Wir klammern und haften an den Dingen, die der Fluss des Lebens an uns vorbei trägt. An unseren Gedanken und Gefühlen, Menschen, Dingen, Erlebnissen und übersehen dabei uns selbst.

Es ist möglich, die Vergänglichkeit in allem zu spüren und es kann die Wahrnehmung extrem verändern. Der Fokus wird weit, das Klammern lässt nach. Und eine weitere Frage taucht auf:

Was bleibt? Was ist immer da? Was ist ewig? In allen Momenten, in jeder Erfahrung – was ist immer da?

Zu erkennen, dass alle Dinge kommen und gehen, kann helfen, sich für das Leben zu öffnen und zu dem Raum zu werden, in dem sich alle Erfahrungen zeigen dürfen. Wir lernen, das Leben als das zu sehen, was es ist: eine vorübergehende Erfahrung aus vorübergehenden Erfahrungen. Schmerzhafte Erfahrungen verlieren ihren Schrecken, wenn wir erkennen, dass sie Grenzen haben, endlich sind, dass sie nur eine Form in unserem Bewusstsein sind. Die Angst, die Erfahrung könnte bleiben, verschwindet und wir können uns erlauben, sie wirklich zu spüren.

Unser Mind ist darauf aus, Stabilität zu konstruieren und erzeugt in unserer Erfahrung eine Art Illusion der Beständigkeit. Aber nichts ist beständig. Jeder Moment stirbt. Das kann beängstigend sein für unseren Verstand. Woran kann er sich festhalten? Nichts ist fest. Es gibt keine Sicherheit. Die Realität vibriert in unendlicher Geschwindigkeit. Alles ist Veränderung, alles fließt, nichts kehrt jemals wieder. Jeder Moment ist einmalig in der Geschichte des Universums, jede Begegnung neu.

Aus Erinnerungen und Zukunftsträumen erschaffen wir uns eine Traumwelt der Beständigkeit, die zu Anhaftung und Identifikation mit den Erscheinungen führt und dafür sorgt, dass wir das Jetzt und die reine Präsenz der Seele ständig übersehen.

Wenn wir lernen, Vergänglichkeit direkt wahrzunehmen, das Vibrieren der Realität zu spüren, kann dies eine Tür sein, einen tieferen Aspekt der Realität zu entdecken: Das, was immer bleibt. Reine Präsenz. Es kann nicht direkt gefunden werden, weil es kein Objekt im Bewusstsein ist, sondern die Quelle des Bewusstseins. Wir können es nicht sehen, weil es das ist, was sieht, aber wenn wir alles Klammern an die Erscheinungen loslassen und das Bewusstsein völlig entspannen, fällt es auf sich selbst zurück, sinkt in die Leere und findet endlich Ruhe an jenem magischen Ort, der jenseits aller Veränderungen liegt. Hier ist die einzige Stabilität und Sicherheit, die es jemals im Leben geben wird, das Einzige, was mit uns durch das Tor des Todes gehen wird, das Einzige, was unsere absolute Loyalität verdient.


Nicht-Erfüllung/Leiden

"Das Leben ist Leiden" soll der Buddha gesagt haben. Das dürfte aus Sicht heutiger Spiritualität eine etwas unpopuläre Aussage sein. Aber es ist nicht umsonst eine der vier noblen Wahrheiten. Die Kontemplation und das direkte Erkennen des Leidens-Aspektes in allen Erscheinungen ist keine Anleitung zur Depression, sondern eine der tiefsten Einsichten und der schnellsten Wege wirklichen Loslassens. Aber was kann man damit anfangen, wenn man hört: Alle Phänomene im Leben sind Leiden, selbst die Freude? Ist das nicht eine düstere Sicht auf das Leben?

Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Es ist Freiheit. Den Leidens-Aspekt in jeder Erfahrung direkt zu erkennen bedeutet, zu fühlen, dass keine Erfahrung, die nicht unsere eigene Seele ist, jemals vollständig erfüllend sein kann. Niemals, und mag sie noch so ekstatisch sein. Es gibt einen tiefen Teil in unserem Herzen, der durch keine äußere Erfahrung Frieden findet, der durch alle Erscheinungen stets unerfüllt bleibt. Kein Gedanke, kein Erlebnis, kein Mensch, kein Ding kann ihn jemals völlig erfüllen. Es ist ein sehr, sehr feiner Schmerz, so tief und grundlegend, dass die meisten Menschen ihr ganzes Leben darüber hinwegsehen, obwohl er der Urantrieb all unseres Tuns und Verlangens ist. Es ist genau dieser Schmerz, der Menschen auf die spirituelle Suche führt.

Diese leise seelische Sehnsucht, diese existenzielle Unerfülltheit in jeder Erfahrung des Lebens zu fühlen - und sei es die größte Freude - verbindet uns wieder mit der wahren Sehnsucht der Seele: Die Sehnsucht nach sich selbst. Leiden in allen Erscheinungen zu fühlen, ist etwas, dass die wenigsten Menschen je versucht haben. Und auch wenn es nicht so scheint, ist es eine sehr konkrete Erfahrung, die relativ einfach zu finden ist.

Was die meisten Menschen sehr intensiv empfinden, ist, wenn dieser Schmerz kurz aufhört. Die ersten Erfahrungen des Erwachens, der erste Geschmack der eigenen Seele, sind oft ein überwältigendes Glücks-Erlebnis: Zum ersten Mal findet diese Sehnsucht Erfüllung! Zum ersten Mal findet der Ur-Schmerz der Trennung von uns selbst Linderung. Aber nicht immer führen solche Erlebnisse wirklich tiefgreifend zu der zentralen Erkenntnis: Nichts und niemand außer uns selbst, nichts außer unserer eigenen Seele kann diese Sehnsucht jemals stillen. Wir suchen in allem nur nach uns selbst.

Die Erkenntnis der Nicht-Erfüllung durch alle Dinge kann eine direkte Tür in das eigene Selbst sein. In dem Moment, in dem die Illusion aufhört, man könne diese Sehnsucht durch äußere Erfahrungen erfüllen, hört das Klammern an die Erscheinungen auf, das Klammern an Menschen, an Dinge, Gefühle, bestimmte Erfahrungen. Sobald wir die äußere Welt auf diese Weise loslassen, fallen wir nach Innen, sinken wir wieder in den Fluss unserer Seele, der uns hinausträgt in die Weiten des Ozeans unseres wahren Selbst. Von dort können wir das Leben genießen, als einen liebevollen, freien Tanz mit dem Universum.

Ein weiterer Aspekt ist, dass unser Verstand stets versucht, Leiden zu vermeiden und unbewusst wird, sobald es auftaucht. In schmerzhaften Situationen das Leiden an sich zu fühlen, als eine neutrale Erfahrung, kann erstaunliche Expansion mit sich bringen. Wie genau ist das Leiden? Wie nimmst du es wahr? Rasante Heilungen können geschehen, wenn wir unser Bewusstsein auf diese Weise an Orte lenken, die es sonst zu vermeiden versucht.

Nicht-Selbst

Zuletzt können wir auch direkt erkennen, dass wir nicht die Erscheinung sind: Was immer wir wahrnehmen, sind nicht wir. Wenn es nicht unsere wahre Natur ist, definiert es uns auch nicht. Es ist nur eine Erfahrung. Absolut real, absolut zu ehren, aber nur eine Erfahrung. Es gibt keinen Grund, diese Erfahrung zu unterdrücken oder zu verstärken, zu verändern oder zu manipulieren. Wir können einfach wahrnehmen, spüren, ohne Anhaftung, ohne Angst, mit großer Sorgfalt und Genauigkeit jede Erfahrung untersuchen, ihre Botschaft in uns aufnehmen und sie wieder gehen lassen. Unser Selbst, unser Wert und unsere Liebe entspringen einer tieferen Quelle. Wir sind frei davon, irgendetwas Bestimmtes sein zu müssen, frei davon Sicherheit, Kontrolle oder Ansehen zu brauchen. Wir sind nur eine Öffnung in der Unendlichkeit, durch welche der Fluss des Lebens fließt.


Den Beobachter loslassen

Alle diese Kontemplationen können einerseits Türen zu tieferem Erwachen sein, andererseits etwas in uns festigen, was oft als der "Zeuge" oder "Beobachter" bezeichnet wird. Das ist gut am Anfang der Reise und weniger gut, je weiter wir fortschreiten. Der Mind bewegt sich durch eine bestimmte Entwicklung hindurch, von einem unbewussten Ich, das völlig zerstreut und verloren ist, zu einem bewussten Ich oder Beobachter, der schon das Licht der Seele in sich trägt und die Fähigkeit hat, sich selbst zu reflektieren und bewusst spirituelle Arbeit zu machen, zu einem seelischen Ich - einem Ich, das völlig mit dem reinen "Ich bin" der Seele verschmolzen ist.

Um vom unbewussten zum bewussten Ich zu gelangen, ist es fast immer nötig, einen inneren Beobachter zu entwickeln, wenn man nicht ständig in den selben Mustern und Unbewusstheiten verloren gehen möchte. Das Ego ist kein Ding, sondern ein Prozess der Identifikation und Anhaftung, der erkannt und transformiert werden kann, wobei der Beobachter sehr hilfreich ist. Doch im weiteren Teil der Reise muss auch der Beobachter sich selbst loslassen, sich hingeben an das "Ich bin" der Seele, und mit damit verschmelzen. Der feine Spalt, den der Beobachter zwischen sich und die Erfahrung kreiert, schließt sich wieder zu einem Zustand reiner, zeitloser Erfahrung. Wir sind reines Bewusstsein, wir sind nicht mehr im Mind, nicht über oder abseits der Erfahrung,  sondern durch die Erfahrung hindurch, überall zugleich. Wir sind vollkommen die Erfahrung und gleichzeitig durch sie hindurch vollständig jenseits von ihr. Wir sind alles und nichts, überall und nirgends. Dieser zweite Schritt geschieht durch ein weiteres, tieferes Loslassen und eine absolute Hingabe, bei der keine Technik mehr wirklich helfen kann.

Die Kontemplation der drei Aspekte ist also eine vorübergehende Praxis, etwas, dass uns eine tiefe Einsicht vermitteln kann und danach selbst losgelassen werden sollte - wie im Übrigen jede Technik.

Die Art, wie man mit den drei Aspekten arbeitet, ist einfach für einige Zeit in der Meditation, und mehrmals am Tag die eigene Erfahrung zu überprüfen, ob man die drei Aspekte darin spüren kann - und zu bemerken, was sich dadurch in der Wahrnehmung verändert. Später kann man es auch anwenden, um bei starken Emotionen, körperlichen Schmerzen und Prozessen in einen Raum zu gelangen, in dem die Erfahrung vollständig zugelassen wird, ohne dass wir uns damit auf einer unbewussten Ebene identifizieren. Erst durch dieses Zu- und Loslassen kann wirkliche Heilung geschehen.

 

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