Seelengefängnis

Bild des Benutzers Jasmin

Wenn die Liebe die Grundlage von Allem ist, warum tun wir uns so unendlich schwer, sie in unserem Leben zu halten? Warum verschließen wir uns oft besonders den Mensch am meisten, die uns nahe sind? Warum sind die Momente tiefer, bedingungsloser Liebe dass, was unser Leben erst lebendig, hell und glücklich macht und doch ist dieser Lichtstrahl schon im nächsten Augenblick von einer dunklen Wolke verdeckt? Umso bewusster ich diese Momente erlebe, in denen tiefe Liebe jede Faser meines Seins durchdringt desto grösser ist meine Verzweiflung, wenn die Liebe gerade wieder mit Abwesenheit glänzt.

Wenn ich es dann in meinem Frust und meiner Selbstverurteilung über meine Begabung, mich selbst immer wieder rauszuschießen aus dem Liebesfluss endlich schaffe, in Ruhe zu mir selbst zu kommen, mich zu fühlen mit all dem was gerade ist, erlebe ich oft ein völlig verängstigtes kleines Kind. Manchmal auch die bockige Variante davon oder das mit den Füßen auf den Boden stampfende Exemplar. Auf jeden Fall führt mich mein kurzes Innehalten fast immer an ein Kindheitstrauma, an einen Schmerz, der damals übermächtig war. Und den Beschluss, den dieses Kind irgendwann einmal gefasst hat, dass niemals, niemals wieder jemand so nahe sein darf, dass es weh tut.

Wenn ich weiter schaue, wird mir bewusst, dass auch all die Verletzungen der letzten Jahre in Freundschaften und auch gerade in Partnerschaften meinen Beschluss oft nur bekräftigt haben, auf jeden Fall für mehr Sicherheit zu sorgen. Leider ist diese Sicherheit eine Illusion, sie ist auf Pump gekauft und der Preis ist die Lebendigkeit, die Hingabe, die Verbundenheit, das Mitgefühl und vor allem, die Einkerkeung unserer Lebensenergie.

 

Der Kerker ohne Schloß

Ich hatte in diesen Phasen der inneren Blockade, die sich fast wie eine Lähmung auf der Gefühlsebene anfühlt immer ein Bild: wie ich in einem dunklen Keller sitze, neben mir, über mir, draußen, um mich herum, findet das Leben statt und ich traue mich nicht raus. Die Tür ist offen, ein Lichtstrahl scheint herein, wie um mich anzulocken, mir Wärme und Schutz zu schenken, und doch traue ich mich nicht, bleibe ich lieber länger in der vermeintlichen Sicherheit des dunklen, kalten Lochs als mich raus zu wagen, ohne zu wissen, was an der nächsten Ecke lauert.

Also begann ich, mich mit diesem Bild in seiner Essenz auseinander zusetzen. Welche Sehnsucht lässt mich dort versauern? Ich wünsche mir einen geschützten Raum, eine Abgrenzung, die ich dort finde. Welche Gefühle tragen mich in meinem selbstgewählten Kerker? Vor allen anderen ragte das Gefühl des Getrenntseins, des am Rand Stehens, des Außenseiters heraus – eine Rolle, die ich seit meiner Kindheit unbewusst in den abgefahrensten Varianten immer und immer wieder wähle – bis heute. Welche Sehnsüchte begleiten mich, wenn ich an „da draußen“ denke? Als erstes sehne ich mich danach, ein Teil von etwas zu sein, dazu zu gehören. Freiheit kommt auch ins Spiel, Lebendigkeit, Gemeinschaft. Es ist eine Sehnsucht nach Nähe und Wärme, nach Geborgenheit und Zugehörigkeit, nach Familie, nach bunten Farben und Ausgelassenheit, nach Anerkennung und verspielter Kindlichkeit, danach mich selbst endlich zeigen zu können – ohne Angst.

 

Wie das sich Innere im Außen manifestiert

Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass meine jetzige Lebenssituation in Teilen eine Manifestation dieses Bildes, was sich da immer wieder vor meinem inneren Augen zeigte, war. Dass all mein Hadern der letzten Monaten damit, an einem Ort zu wohnen, an dem ich mich nicht zu Hause fühle, umgeben von Menschen, mit denen ich nur oberflächlichen Kontakt habe, ziemlich weit weg von der großen, spannenden Stadt, aber auch weit genug entfernt von der von mir geliebten absolut ländlichen Gegend, nur eine Auseinandersetzung im Außen ist mit dem, was in meinem Inneren abläuft. Ein echtes Puzzlestück. Doch was will es mir sagen? Öffne dich endlich, lass dein Herz sprechen, mach dich Verletzlich, wie oft habe ich diese Sätze schon wie den Rosenkranz runter gebetet, leider hats nie wirklich geknallt.

Der Schlüssel liegt für mich darin, da, wo ich mich gerade befinde, in der Manifestation meiner Ängste und ungelebten Sehnsüchte, die ersten Schritte „vor die Tür“ zu wagen. Jeder Versuch, meine Wohnsituation krampfhaft ändern zu wollen, wird genauso scheitern wie die diversen mantraartigen Versuche der Selbstsuggestion, in denen ich mit sämtlicher Überredungskunst und Druck den Weg zu meinem Herzen freibomben wollte. Der erste Schritt ist tatsächlich ein sehr subtiler, es geht darum, meine Sehnsüchte einfach nur freizulegen. Sie zu benennen. Sie zu fühlen. Auch den Mangel zu fühlen. Ihn zu benennen. Im zu erlauben, da zu sein, auch wenn wir Mangel als unangenehm finden und so vehement im Außen bekämpfen. Zeigt er sich im Außen, ist er in uns. Und er will da sein dürfen.

 

Loslaufen dort, wo wir gerade sind

Der zweite Schritt ist mit ein wenig Mut verbunden, so, als wenn die kleine Kellermaus mal ganz vorsichtig ihre Pfoten in Richtung Lichtstrahl setzt – und er liegt darin, dass was ist, als den Übungsraum anzunehmen, um mich zu öffnen – weg von dem üblichen „...wenn...., dann......“ - jetzt, an diesem Punkt meines Lebens loszulaufen. Mich in kleinen Schritten raus zu wagen aus meiner Festung – ganz bewusst. Es mag ein tiefer Blick in die Augen meines Kindes sein, vielleicht ein aufmerksameres Zuhören ihres Gebrabbels, es mag die Entscheidung sein, meinen Partner ganz offen an dem teilhaben zu lassen, was ich sonst so gerne vor ihm versteckte, vielleicht ist es aber auch nur eine ganz innige Umarmung, die ich sonst lieber ausgelassen habe in meiner gefühlsmäßigen Lähmung. Wild und hemmungslos durch die Wohnung zu tanzen, wenn der Impuls dazu kommt, Peter Pan zu spielen, auch wenn man irgendwann den Überblick über all die Feen verliert, die man dabei so erfindet. Für jeden werden es andere Dinge sein, sich im Alltag ein klein wenig mehr zu öffnen. Jede Öffnung bringt uns der Liebe ein Stück näher. Die Essenzen unserer Sehnsüchte spielen dabei eine große Rolle – dieser gefühlte Extrakt von Verbundenheit, Lebendigkeit, Geborgenheit und Freundschaft geben mit den Mut, sie auch zu leben – im Miniformat, jeden Tag ein bisschen mehr.

Ich habe mir solange den Kopf zerbrochen, warum ich meine Wohnsituation nicht ändern kann, obwohl ich doch so einiges an Zeit und Mühe darin investiert habe. Genauso wie ich mich nicht damit abfinden will, dass ich immer wieder aus der Liebe rausfalle, mich abgetrennt und außen vor fühle. Dabei ist die Antwort mal wieder beeindruckend simpel – wie im Außen so im Inneren. In dem Maße, in dem ich meinen ungelebten Sehnsüchten den Raum gebe, sich zu zeigen, gesehen und integriert zu werden, in meinem ganz eigenen Tempo, fühle ich Liebe, fühle ich mich lebendig und frei. Die Veränderung im Außen ist mir sicher.

 

Bilder:

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