Zeitgeist - Von der Herausforderung des Loslassens

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„Höre auf, zu kontrollieren und fang endlich an, aus deinem Herzen zu leben...“ so oder ähnlich habe ich heute meine innere Stimme, mein höheres Selbst vernommen, als ich verstehen wollte, warum es mir gerade so elend geht, warum ich so einen krassen Energieverlust verspüre. Nicht, dass es das erste Mal in meinem Leben wäre, dass ich mit dem Thema Kontrolle aufgeben konfrontiert werde, aber ich komme nicht umhin, einzusehen, dass ich dieses Thema betreffend doch zu großen Teilen wieder  in meinen Kopf gerutscht bin. Seitdem ich realisiert habe, dass es sich bei mir dabei um ein Lebensthema handelt, ist eine Situation nach der anderen in mein Leben gekommen, die mich testen wollte, ob ich wirklich mit dem Herzen verstanden habe. Die elementaren Themen, Wohnung, Beziehung, Arbeit durchlebte ich schon einige Male, mal mehr freiwillig mit dem einhergehenden Freiheitsgefühl, mal unter vielen Schmerzen und in der Begegnung mit meinen absolut dunkelsten Momenten. Nun dachte ich, ich hätte wohl das Gröbste verstanden, ich hätte das Thema Kontrolle weitestgehend aus meinem Leben gelotst, weil ich ja auch so viel aufgelöst hätte an Anhaftungen.

 

Ich habe mich wohl gewaltig getäuscht! Denn ohne das ich es bemerkt habe habe oder es sehen wollte, kommen jeden Tag neue Situationen, die mich meinen Kontrollwahn ausleben lassen. Mein selbstauferlegter Zeitplan, der fast nie funktioniert, weil eben oftmals ganz unerwartete Dinge denselben sprengen, mein Kind, was in einem Alter ist, wo Chaos der zweite Vorname zu sein scheint, das liebe Geld, was ständig danach verlangt, losgelassen zu werden, Putzpläne sowie Bilder in meiner Vorstellung, wie eine ordentliche Wohnung auszusehen hat - all das sind gerade die prekärsten Beispiele dafür – ich könnte die Liste um viele Kleinigkeiten ergänzen. Ich bin mitten drin in einem Kreislauf aus Druck, den ich selber erzeuge, weil ich die Kontrolle behalten möchte, aus Selbstverurteilung, weil ich merke, wie mir das meiste trotzdem zunehmend entgleitet und einem unterschwelligen Gefühl aus Panik, aufgrund des Katalogs an Verhaltensmustern, die ich irgendwann einmal als Maßstab für meinen Wert festgelegt habe.

 

Und die Antwort darauf ist so einfach. Fang endlich an, aus deinem Herzen zu leben. Ja, wenn es dann mal so einfach wäre...Im Zuge der oben beschriebenen Selbstverurteilung verschließt man nämlich dann auch noch sein Herz, um den ganzen Schmerz, die Gefühle der Wertlosigkeit und Panik nicht voll fühlen zu müssen. Dabei ist genau das doch so wichtig, denn darunter befinden sich die Wurzeln für all diese Verhaltensmuster, die mich glauben lassen, dass mein Wert in diesen äußeren Umständen und der Aufrechterhaltung von irgendwelchen Plänen und selbstauferlegten Regeln und Maßstäben zu finden sei. Es ist so wichtig, diese Mauer um mein Herz zu sprengen, sie wegzuweinen, um wieder fühlen zu können. Dieser Panik Raum zu geben, die aufkommt, wenn einem alles zu entgleiten scheint. Um zu fühlen, dass das alles „nur“ einer Identifikation mit falschen Wertmaßstäben entspringt, mit veralteten Glaubenssätzen. In diesem Augenblick wird mir auch bewusst, dass mein Herz, also meine Seele, in fast allen Momenten etwas ganz anderes möchte. Es möchte weder funktionieren, noch sich einem starren Zeitplan unterwerfen, es möchte nicht aufräumen und putzen, wenn draußen die erste Frühlingssonne scheint, es möchte nicht bei jedem Euro, den ich ausgebe, ein schlechtes Gewissen haben. Nur höre ich es einfach nicht, weil es schalldicht eingschlossen ist hinter dieser meterhohen Mauer, die ich mir in meinem Wahn aus Funktionieren und Kontrollieren erbaut habe. Genau das ist die Lernaufgabe, die vor mir liegt. In die Momente reinzufühlen, was ich gerade wirklich möchte. Und langsam mein Herz an die Stelle der alten Verhaltensmuster rücken zu lassen.

 

Der zweite springende Punkt ist das Vertrauen. Vertrauen kann nur da wachsen, wo mein Herz wieder offen ist. Es ist schlicht und ergreifend das Vertrauen ins Leben, was gerade von mir und so vielen Menschen um mich herum gefordert wird. Unser altes Lebensgebäude bröckelt, ich spüre es bei mir seit einiger Zeit immer deutlicher und ich weiß, es geht mir nicht alleine so. Aber ich spüre jetzt auch ziemlich klar, dass dieses Bröckeln nicht nur die großen Dinge im Leben betrifft, wie z.B. meine Arbeit oder meine Stellung zu und in dieser Gesellschaft, sondern dass es auch die ganz kleinen Situationen im Alltag berührt. Auch hier jeden Tag ins Vertrauen zu gehen, wenn der innere Schweinehund mal wieder die alten Muster einfordert, nicht dicht zu machen vor den Gefühlen, die hoch kommen, wenn ich mich in solchen Pattsituationen wiederfinde, in denen ich genau weiß, dass jetzt mein Herz etwas ganz anderes wünscht, als das, was ich gerade im Begriff bin, zu tun. Die Angst, die Panik, die Hilflosigkeit und die Bodenlosigkeit zu spüren, die all das auslöst – in dem Vertrauen darauf, dass sich alles wie von selbst fügt, wenn ich mich nicht gegen den Fluss des Lebens stelle. Es ist die Aufgabe des Versuches, diesen Fluss zu lenken, zu begradigen, umzuleiten – sondern einfach beiseite zu gehen und geschehen zu lassen. Ich bin mir sicher, dass auch genau hier die Ursache für den größten Energieverlust liegt, denn es kostet unglaublich viel Kraft, immer wieder dagegen zu halten. Neu ist für mich vor allem die Erkenntnis, dass es nicht die großen Situationen im meinem Leben sind, die mich herausfordern hinsichtlich des Kontrollverlustes, sondern dass es mir im Alltag so unglaublich schwer fällt. Vielleicht ist es einfach so, dass die Ebenen des Lernens immer feiner werden, und nach den eher elementaren Lebensbereichen kommen wir an die Momente, die unser Leben im Alltag bestimmen, um immer wieder damit konfrontiert zu werden, das Alte aufzugeben, um Raum für etwas Neues zu schaffen. Ich erlebe gerade, dass meine Weigerung, hin zuschauen, dahin geführt hat, dass mich das Leben zwingt, hin zuschauen. Als ich immer weiter versucht habe, alles festzuhalten, in eingefahrenen überholten Mustern zu leben, hat mich dieser Kreislauf so ermattet, dass ich irgendwann schlichtweg nicht mehr die Kraft hatte, zu funktionieren und zu kontrollieren. Ich glaube, so ist es mit vielem, was wir auf einer bestimmten Ebene einfach nicht sehen wollen – das Leben zieht die Daumenschrauben immer mehr an und irgendwann ist der Blick in den Spiegel unumgänglich.

Meiner Meinung nach ist die große Herausforderung unserer Zeit das Loslassen und Vertrauen. Leben aus dem Herzen. Und es ist der einzige Weg, in den Fluss des Lebens zu gelangen. Vielleicht gibt es unter Euch einige, die meine Erfahrungen in Ansätzen teilen können. Ich würde mich sehr über einen Austausch in unserem Forum freuen.