Das Leben ist der Guru

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Da, wo ich bin, bin ich richtig. Wachstum geschieht nicht nur din dem magischen ­Retreat-Center in den Bergen und auf dem hochenergetischen Wochenendkurs, von dem ich mir einst so viel erhoffte. Es passiert da, wo ich stehe. Mein Leben ist genau der spirituelle Workshop, den ich gerade ­besuchen sollte. Es ist der schnellste Weg, die ultimative Abkürzung zur Erleuchtung, perfekt auf jeden von uns abgestimmt.

Das Leben stellt mir genau jene Aufgaben, die mich am schnellsten wachsen lassen. Es bringt mir genau jene Einsichten, die ich gerade am dringendsten benötigte. Es ist mein Weg, meine vollkommene Lehre. Es ist mein Lehrer und Guru, meine Therapie und mein Heiler. Als ich mir erlaubte, das zu sehen, erkannte ich, wie perfekt diese Reise ist, wie vollkommen ich geführt bin, in jedem einzelnen Moment. Mein Leben mit all seinen Höhen und Tiefen, Schmerzen und Freuden ist Ausdruck meiner höchsten Liebe für mich selbst. Es führt und lockt mich in all jene Situationen, in denen ich die Wunden meines Herzens heilen und die Fesseln meiner Seele ablegen kann. Es lädt mich ein, immer mehr meine Vollkommenheit zu erkennen und auszudrücken. Es ist mein Coach und mein Wachstum – weil ich es lasse.

Das Leben ist und war immer schon der wahre Lehrer, aber irgendwann hatte ich aufgehört, ihm zu vertrauen, habe angefangen, mit ihm zu hadern und zu kämpfen. Unaufhörlich trug das Leben alles an mich heran, was ich für mein Wachstum benötige – doch ich wollte es nicht sehen, begann fast über das Leben hinweg zu sehen, meine Heilung da draußen zu suchen, irgendwie in meinem Leben, aber auch sonderbar getrennt davon. Ich lebte in einer spirituellen Blase. Tatsächlich ist es doch ein seltsames Phänomen, wenn wir unser Leben einteilen in Zeiten “spiritueller Praxis” und “normalen Lebens”. Eine solche Trennung existiert nicht. Wir sind geistige, spirituelle Wesen und jede Erfahrung, die wir in diesem Leben machen, ist eine spirituelle Erfahrung. Jeder Moment und jede Begegnung ist angefüllt mit Bedeutung - wenn wir nur zuhören. 

 

Das Leben als Spiegel

Es galt, eine Entscheidung zu treffen. Nicht einmal, sondern von Sekunde zu Sekunde. Die Entscheidung, dem Universum zu vertrauen, mich dem Leben in Hingabe zu öffnen, bereit zu sein, zu fühlen und zu lernen, zu sehen und zu verstehen. Wachsam jeden Moment willkommen zu heißen, bis in seine Tiefen vorzudringen, die Geschenke des Lebens anzunehmen. Es war auch die Entscheidung, durch alles mutig hindurch zu gehen und nicht mehr drum herum. Die Entscheidung, nicht länger vor mir selbst davon zu laufen. Denn nichts anderes ist das Leben: ein Spiegel.

Wie die meisten Menschen ging ich anfangs durch mein Leben und glaubte, ein Opfer der Umstände zu sein. Glaubte Pech zu haben, war wütend auf die Menschen, die mich verletzten. Scheinbar zufällig und sinnlos reihten sich Ereignisse, Freude und Leid aneinander. Mit dem Erwachen erkannte ich: Es ist mein Bewusstsein, das mein Leben kreiert. Alles, was in meinem Leben auftaucht, ist ein Spiegel meines Bewusstseins. Ich selbst erschaffe meine Realität – vor allem durch meine Wahrnehmung, welche die Welt für mich erst zu dem macht, wie ich sie erlebe, aber - wie ich erkannte - auch noch auf einer sehr viel feineren Ebene. Das Leben ist genau deshalb der perfekte Lehrer, weil es nichts anderes ist als ein Spiegel. Wir begegnen uns ständig immer nur selbst. 

 

Göttliches Verwobensein

Wie können wir das verstehen? Manifestiere ich mein Leben? Sind alle anderen nur ein Traum? In meiner Wahrnehmung ist keines von beidem der Fall. Das wahre, das große Wunder ist, dass dieses Spiel so vollkommen kreiert wurde, dass wir alle Spiegel füreinander sind. Dass alle Ereignisse in dieser göttlichen Geschichte so meisterhaft miteinander verwoben werden, dass die Summe aller “Zufälle” für jeden Einzelnen von uns die Bestimmung erfüllt.

In gewisser Weise funktionieren wir auf energetischer Ebene wie ein Magnet: Durch unsere energetische Konfiguration ziehen wir das in unser Leben, was eine Resonanz zu unserem Inneren hat. Dadurch wird jeder Blick nach außen gleichzeitig auch zu einem Blick tief in uns hinein. In dem, was sich in unserem Leben zeigt, erkennen wir uns selbst. Die Welt ist unser Spiegel.

Unsere innere Konfiguration ist außerdem unser Filter: Was wir wahrnehmen, ist durchaus nicht das, was tatsächlich passiert, sondern eben nur dasjenige, zu dem wir in Resonanz stehen. So können sich drei Menschen in ein und derselben Situation durchaus auf drei verschiedene Arten spiegeln.

Auf meiner Reise war ich immer wieder verblüfft, in welchen Ausmaß das Prinzip der Spiegelung funktioniert. Es ist ein großes Mysterium. All die Synchronizitäten, Zeichen, Begegnungen, die Unfehlbarkeit, mit der wir genau das bekommen, was wir gerade brauchen, versetzt mich wieder und wieder in tiefe Ehrfurcht. Wie das möglich ist, kann und muss ich wahrscheinlich nicht verstehen. Ich brauche es aber auch nicht mehr zu glauben, ich habe es getestet wie ein Wissenschaftler. Das gibt mir die Gewissheit, dem Leben mit seinen Synchronizitäten und Zeichen vertrauen zu können.

 

Das Ende der Projektionen

So hat alles in unserem Leben nicht nur etwas, sondern ganz viel mit uns selbst zu tun. Was immer uns in unserem Leben stört, verweist uns auf uns selbst. Das gilt nicht nur für Personen, sondern für grundsätzlich alles, was größere Emotionen auslöst – im Guten wie im Schlechten. Die Schülerschaft beim Leben beginnt mit der Bereitschaft, die Projektionen aufzugeben und stets nach innen zu gehen: Was macht das mit mir? Warum taucht diese Erfahrung in meinem Leben auf? Was möchte hier erlöst welches Geschenk erkannt werden?

Von dem Tag an, an dem du die Entscheidung triffst, die Welt als Spiegel anzuerkennen und aus ihm zu lernen, wird jede Sekunde deines Lebens Teil deiner Befreiung. Du lebst in einem permanenten Retreat, einer 24-Stunden-Therapie.

Ab diesem Punkt ist alles Meckern und Beschuldigen, aber auch jeder Versuch, Erfüllung im Äußeren zu bekommen, zunehmend sinnlos. Mehr und mehr nimmst du alles in dich selbst zurück. Du weißt, dass es deine eigene Wut ist, die dir im Außen begegnet, aber auch deine eigene Schönheit, die dich in einer Blume zu Tränen rührt. Du begreifst, dass du keine Liebe im Außen finden kannst, die du dir nicht selbst zuvor im Inneren gegeben hast.

 

Das Leben ist der einzige Lehrer

Das Leben ist der einzige Lehrer. Und der Weg formt sich erst, mit jedem einzelnen Schritt. Es braucht keinerlei bestimmtes Wissen, um diesen Weg zu gehen, keinen äußeren Lehrer, keine Methode. Dieser Weg ist ein Weg zu unserer eigenen inneren Wahrheit, zu unserem eigenen Licht, unserer eigenen Energie und der eigenen Verbindung zur Quelle von Allem-was-ist. Es ist ein Weg der Selbst-Verwirklichung und niemand kann das für uns tun. Keine Initiation, keine Energie-Übertragung, kein Guru und kein Engel, wir müssen die Verbindung zur Quelle selbst finden und verwirklichen.

Ich erkannte: Du selbst bist die Quelle. Es ist niemand hier, von dem deine Freiheit abhängen könnte, und wann immer du dich einem Menschen, Lehrer, einer Lehre oder einer Energie gegenüber in Abhängigkeit begibst, verleugnest du, was du bist. Der Weg zurück ist das Ende aller Suche im Außen. Du wirst dort weder die Liebe finden noch wirkliche Freude oder Erleuchtung. Die Welt ist nur ein Spiegel, in dem du sehen kannst, wer du jetzt gerade bist.

Es gibt niemandem, dem du ewig folgen könntest, denn sie alle gehen ihren Weg, nicht deinen. Nur du allein kennst den Weg zurück zu dir. Wir alle sind Brüder und Schwestern, die sich gegenseitig nach Hause begleiten. Vor mir liegt die Landschaft, die mein eigenes Selbst mir für diese Reise hingemalt hat. Der Weg hindurch ist auf die Rückseite meines Herzens geschrieben.

Und dennoch kann es immer wieder hilfreich sein, sich inspirieren zu lassen, den Erfahrungen derer zu lauschen, die ihren Weg bereits gegangen sind oder noch gehen. Als Brüder und Schwestern können wir nebeneinander gehen, uns berichten von Erkanntem und Verwirklichtem, einander Hilfe und Freunde sein, uns in einander spiegeln. Aber meine Wahrheit kann mir niemand mehr geben, sie wächst und blüht in meinem eigenen Herzen.

 

Der Blick in den Spiegel

Was braucht es, um diesen Weg zu gehen? Es braucht tatsächlich nichts, weil wir alle diesen Weg ohnehin schon gehen, ob wir es nun wissen oder nicht. Wir können uns dagegen wehren, es leugnen und uns festklammern an Illusionen – aber so, wie ein Energiefluss dieses Universum erschaffen hat, so ruft uns die Erinnerung auch ständig zur Quelle zurück. Und es kommt der Punkt, an dem dieser Ruf in unseren Herzen so laut wird, dass wir uns bewusst auf die Reise machen. Ab diesem Punkt können Dinge rasend schnell geschehen, zumindest gemessen daran, dass wir alle vielleicht schon seit Äonen als Seele existieren.

Ich habe Menschen gesehen, die einen guten Teil ihres Weges gegangen sind mit nur einer einzigen Erkenntnis: Das Leben ist mein Spiegel. Es ist diese eine, simple Erkenntnis, die so viel ausmachen kann, die unser Leben von einem Kampf in einen göttlichen, unterstützenden und befreienden Weg verwandelt.

Alles in deinem Leben existiert für dich, als Gelegenheit, eine tiefere Wahrheit über dich herauszufinden. Das Leben hat dich schon immer unterstützt, auch wenn diese Unterstützung nicht immer angenehm ist. Aller Schmerz, der dir vielleicht in deinem Leben begegnet, dient allein deiner Befreiung. Der Weg wird dich immer wieder mit allem konfrontieren, was in dir noch nicht erlöst wurde, wo du eine Lüge lebst oder im Außen suchst, was du dir nur selbst geben kannst. Er wird dies immer und immer wieder tun, dich einladen, frei zu werden. Es ist deine Wahl.

 

Bilder: Strand © BlueOrange Studio - Fotolia.com; Fenster Robbi Baba ; Füße dhammza