Verletzlichkeit – die einzig wirkliche Stärke

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Eines der schwierigsten Themen für mich - wenn nicht mein Lebensthema - ist Verletzlichkeit. Andere Menschen in mein offenes, ungeschütztes Inneres sehen zu lassen, ist etwas, das mir zunächst überhaupt nicht und auch heute nur phasenweise gelingt. Und je mehr es mir gelingt, desto mehr wird mir bewusst, dass es, zumindest für mich, vielleicht eines der wichtigsten Dinge auf diesem Weg ist.

 

Verletzlich sein

Ich weiß nicht, ob "verletzlich" überhaupt das richtige Wort ist, vielleicht gefällt mir "berührbar" besser. Und oft in meinem Leben war ich das nicht: berührbar und erreichbar. Nicht für das Leben, nicht für meine Seele, nicht von der Liebe, nicht vom Schmerz.

Nicht nur für mich, sondern vor allem auch für die Menschen um mich ist das ein quälender Zustand. So sehr verstecke ich mich dann hinter meinen Sicherheits-Mauern, meinem Anspruch "stark zu sein", dass meine Schutzhüllen zu einem Gefängnis werden. Eine Schicht aus energetischem Zement schneidet mich von gerade den Menschen ab, die ich insgeheim am meisten liebte - die mir damit aber auch allzu gefährlich erschienen.

In der gebenden, der helfenden Rolle, der scheinenden und lehrenden Position, da fühle ich mich wohl. Aber wie oft konnte ich selbst meinen nächsten Menschen nicht in die Augen blicken, und ihnen erlauben alles zu sehen: das wunde Herz, die Angst, den Schmerz oder einfach nur das ungeschützte Weiche in mir? Etwas in mir ist überzeugt, dass mich niemand lieben würde, wenn er wirklich wüsste, wie mir manchmal zumute ist. Dass nur das Starke in mir liebenswert ist.

Warum es mir so schwer fällt - ich weiß es nicht. Ich denke, wir haben alle unsere Traumata, wurden verletzt und gedemütigt, verlassen und enttäuscht. Irgendetwas davon, in diesem oder einem anderen Leben, muss mich so schwer getroffen haben, dass ich mich zurückgezogen habe aus meinem Körper und meinen Gefühlen und einen Panzer um mein Herz errichtet habe, fest entschlossen, nie mehr diesen Schmerz zu fühlen und ihn niemals einem Menschen zu offenbaren.

Aber man kommt weder im Leben, noch in der Spiritualität sonderlich weit, mit einem verschlossenen Herzen.


Verletzlichkeit - die ultimative Stärke

Mein lieber Freund Chris Bourne, einer der spirituell stärksten Menschen, die ich kenne, sagte mal zu mir: "Absolute, völlige Verletzlichkeit ist die einzig wirkliche Stärke." Er erzählte mir auch, dass er sich - allem äußeren Anschein zum Trotz - die meiste Zeit so verletzlich fühle wie ein kleines Kind.

Es ist nicht sehr lange, dass ich diesen Zustand zumindest phasenweise auch erlebe. Eine unglaubliche Weichheit und Freiheit, völlige Echtheit ohne Verzerrung. In diesen Zuständen bin ich meiner Seele am nächsten. Im letzten Jahr bin ich immer wieder zwischen diesem Zustand und alten Schutz-Mechanismen hin und her gewechselt. Was für eine Qual! Was für ein Gefängnis. Wie lächerlich und albern die ganzen Schutzmauern - ich weiß es doch. Und doch fühlte ich mich manchmal, wie von einer inneren Macht eingesperrt, weggesperrt vor mir selbst. Ich kam nicht heraus aus mir, die Liebe nicht zu mir herein. Irgendetwas in mir aktivierte den „Schutzmodus“ und ich verschwand hinter einer Wand aus Kälte. Es hätte mich zur Verzweiflung treiben können. Wohin war all die Liebe, der spirituelle Fortschritt?
Aber die Einladung war, tiefer zu gehen. Immerhin: Ich war bewusst, fühlte, bemerkte, untersuchte dieses seltsame Verhalten. Und suchte langsam einen Weg hinaus.

Letztlich ist das, was wir das Ego nennen, eigentlich nicht mehr als die Identifikation mit einer Sammlung von Mechanismen zur Schmerzvermeidung. Absolut berührbar zu sein, die Angst davor verloren zu haben alles zu fühlen, ein Herz zu haben, dass nicht mehr brechen kann, weil es seine Schale bereits zerbrochen hat - das ist wahre Stärke. Eine Stärke, die nicht darauf beruht, zu schützen und zu verschließen, sondern eine Stärke, die so weit ist, dass sie alles umarmen kann, die alles in sich aufnimmt. Es ist eine Stärke, die alle Anhaftung an Stärke aufgegeben hat. Und der einzige Weg, dem Leben zu begegnen, ohne anfällig zu sein für die Mechanismen, die wir das Ego nennen. Es ist die Angst vor Leid, die dem Ego den Nährboden bietet, die im Berechtigung gibt, zu sein und seine Spielchen zu spielen.


Das göttliche Kind

Ich habe das große Glück mit einer Frau zusammenzuleben, die mir ein Spiegel ist, welche Schönheit, Wärme und Größe ein offenes Herz ausstrahlt. Und mit einer Tochter, die mir in ihrer kindlichen Verletzlichkeit einen Teil von mir zeigt, den ich am liebsten für immer verstecken würde.

Denn unser tiefster Kern als Mensch ist so etwas wie ein göttliches Kind. Unzerstörbar, ja - aber absolut fühlend und absolut berührbar. Unzerstörbar eben nicht durch seine Härte, sondern durch seine Widerstandslosigkeit. Dadurch, dass es so unvorstellbar fein und weich ist.

Dieses göttliche Kind liebt mit der Tiefe und Rückhaltlosigkeit eines Kindes, aber ohne die Abhängigkeit. Es ist selbst das Herz, der Trost und die Quelle der Liebe. Es fühlt mit der gleichen Berührbarkeit eines Kindes, aber es ist nicht verletzlich. Was ist verletzt? Verletzt sind wir, wenn ein Schmerz eine Narbe in uns hinterlässt, eine Spur auf der Oberfläche unseres Herzens. Das göttliche Kind spürt allen Schmerz - aber er hinterlässt keine Spuren in ihm - weil es nichts gibt, dass an diesem Schmerz anhaften könnte.


Das innere Kind

Die Wahrheit dieses göttlichen Kindes unserer Seele spiegelt sich im inneren Kind unserer Psyche. Als Kind sind wir schutzlos, völlig berührbar, aber uns fehlt noch der bewusste Kontakt mit der Seele. Wir reifen erst noch heran zu einem Wesen, das eine Seele ganz verkörpern könnte. Wir können in dieser Zeit deshalb intensive Erfahrungen schwer verarbeiten, denn die Instanz in uns, die uns heilen könnte, ist noch nicht ganz erwacht.

Dieses psychische innere Kind trägt deshalb viel Verwirrung und Schmerz in sich – in ihm hinterlässt das Leben sehr wohl seine Spuren. Und erst wenn wir uns zu diesem Schmerz ganz hingewendet haben, ihn übergeben haben an die Quelle in uns, erst dann öffnet sich der Zugang zu den Tiefen unseres Herzens und zum göttlichen Kind.

Safi Nidiaye schreibt über das göttliche Kind: "Es ist nicht so, dass dieses Kind eines Tages zu einem Erwachsenen heranreifen sollte, sich aber weigert; sondern dein kindlicher Kern bleibt immer kindlich, das Erwachsensein aber wirst du eines Tages ablegen, wenn du es nicht mehr brauchst. Der Kern deines wahren Wesens ist ein Kind."


Schutzlos

Wie viel Mut braucht es, einmal ganz schutzlos hier zu sein? Die Rüstung abzulegen, die Maske fallen zu lassen. Wie lange möchte man leben, in einem selbstgebauten Gefängnis? Wie lange kann man die Sehnsucht ignorieren, nach wirklicher Nähe und Berührung, nach reiner, unschuldiger Liebe?

Ich persönlich hatte eine Scheißangst davor. Habe sie teilweise immer noch. Sie ist absurd und destruktiv diese Angst, aber sie ist da und ich muss lernen, sie ernst nehmen, ohne mich davon bestimmen zu lassen. Und wenn mir das gelingt, wenn mein Herz offen ist, dann fühle ich mich plötzlich gar nicht klein und schwach. Ich fühle mich schön.

 

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