Was ist Wahrheit?

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Meine Suche nach Wahrheit begann mit etwa 13 Jahren. Zuerst zaghaft, dann immer deutlicher zeigte sich ein Wunsch, herauszufinden, was Realität ist. Mit etwa 15 begann ich, fast systematisch alle Bücher der großen Religionen zu lesen, dann die großen Philosophen, dann spirituelle Literatur und Bücher über Quantenphysik. Gleichzeitig begann ich zu meditieren und halluzinogene Drogen zu nehmen, um so mein eigenes Bewusstsein zu erforschen. Erst rückblickend erkenne ich darin fast eine Art Besessenheit mit der Frage: Was ist die Wahrheit?

Diese Suche hat für mich eine überaus überraschende Wende genommen. Weil ich glaube, dass sich mancher auch in der Suche selbst wiedererkennen könnte, ist vielleicht auch der Weg nicht uninteressant.


Geborgte Wahrheit

Nach einiger spiritueller Lektüre schien mir klar zu sein, dass der einzige Weg zur Wahrheit die Erleuchtung wäre. Meine Bewusstseinsexperimente waren folglich Versuche, diesem mir eigentlich recht unklaren Zustand näher zu kommen. Ich hatte beeindruckende Erfahrungen, kam aber zu dem Schluss, dass Drogen kein geeigneter Weg sind und meine Meditationen unvollkommen waren. Ich war sehr inspiriert von indischer Philosophie und so entschied ich, dass ich wohl einen Guru brauchte.

So geriet ich mit zarten 17 Jahren in eine sektenähnliche Gruppierung um einen indischen Meister, der mich in verschiedene Meditationen einweihte und außerdem auch gleich die Wahrheit im Gepäck hatte. Sagte er zumindest. Die ausgeklügelte Philosophie dieser Mysterienschule beinhaltete allerlei Sonderbarkeiten, die sich nicht ganz richtig anfühlen wollten, aber ich überzeugte mich, dass dies nur die Widerstände meines Egos sein mussten.

Ich hatte tatsächlich tiefe Erlebnisse in den ausgiebigen Meditationen - täglich waren mindestens vier bis sechs Stunden zu absolvieren, so sah es die Lehre vor. Tatsächlich erwachte etwas in mir, aber je mehr es das tat, desto lauter wurden meine Zweifel, bis ich schließlich ausstieg.

Eine Weile war ich orientierungslos, versuchte wieder "normal" zu leben, allerdings vergebens, zu stark brannte noch immer die Suche in mir. Und so fand ich mich einige Jahre später in der Satsang-Szene wieder, um mir von neuen Gurus eine neue Wahrheit zu borgen. Wieder hatte ich erstaunliche Erfahrungen, die schließlich in einem anhaltenden Erwachen mündeten.


Die zweite Suche

Aber auch hier stimmte etwas für mich nicht. Das ganze Guru-Spiel wirkte zunehmend grotesk, die Lehren fühlten sich nicht wahr an, trotz aller Erfahrungen. Ich sah, wie mein Weg weiter ging, tiefer. Nach mehreren Monaten anhaltender, tiefer Glückseligkeit, brachte eine längere Beziehung schließlich tiefe Schichten von Schmerz und Verleugnung zum Vorschein, die ich unter den Teppich einer abgehobenen Präsenz gekehrt hatte. Ich begann, das Leben und den Prozess der Erleuchtung auf andere Weise zu betrachten und zu erleben. Ich begann meine Schülerschaft beim Leben selbst, eine sich immer weiter entfaltende Reise zu meiner eigenen Wahrheit, die ich nicht mehr in Büchern oder bei Gurus zu finden hoffte.


Gibt es absolute Wahrheit?

Während all dieser Phasen änderte und verfeinerte sich meine persönliche Wahrheit ständig. Gab es am Anfang noch einen missionarischen Eifer, der andere Menschen überzeugen wollte, verschwand dieses Bedürfnis zunehmend mit der Erkenntnis, das meine Wahrheit immer nur eine relative war, ein aktueller Stand meines Irrtums, den es sich nicht lohnte, anderen aufzudrängen. Ich wusste, dass ich eigentlich nichts wusste. Und das, was sich wahr anfühlte, war ganz bei mir, so dass ich keinen Anlass sah, darüber zu debattieren.

Aber trotzdem: Tief in mir hatte sich eine Vorstellung gehalten, dass es sie doch gibt, die absolute Wahrheit. Es musste sie geben! Schließlich musste das Universum ja auf irgendeine Art funktionieren und irgendwann - das glaubte ich noch immer - würde ich wissen wie.

Je mehr meine Obsession mit Konzepten verschwand, je mehr sich mein Seins-Zentrum vom Kopf in das Herz verschob, desto mehr dämmerte ein Erkennen, das von tiefen mystischen Erlebnissen begleitet war: Es gibt gar keine absolute Wahrheit, die sich erfassen ließe. Sie ist eine Illusion, eine Fata-Morgana des Verstandes.

Für mich war diese Erkenntnis schwer zu verdauen: Dass ich es nie wissen werde. Dass die eine absolute Wahrheit, nach der ich so viele Jahre gesucht hatte, nicht zu erfassen ist. Dass es für den Verstand immer nur relative, persönliche Wahrheiten gibt. Mein Verstand bestand darauf: Aber irgendwie muss es doch sein! Aber natürlich ist dieses und jenes absolut wahr, man kann es doch beweisen!


Die eigene Wahrheit

Man kann sich in endlose Diskussionen verstricken, sogar mit sich selbst. Für den Verstand ist die Vorstellung, dass es keine absolute Wahrheit gibt, fast ein kleiner Selbstmord. Er kann es nicht begreifen. Vielleicht mag es ihn besänftigen, festzustellen, dass die absolute Wahrheit, sobald sie von einem Wesen wahrgenommen wird, bereits verzerrt wurde und relative Wahrheit geworden ist. Dass eine Seele auch immer eine bestimmte Perspektive auf das Ganze darstellt. Das absolute Wahrheit allein das sein kann, was Buddha Nirvana genannt hat: Das Erlöschen. Und darüber gibt es nichts zu erzählen.

Es gibt eine natürliche Anhaftung an den gegenwärtigen Stand des Irrtums: Der Verstand kann wohl begreifen, dass die Wahrheit des letzten Jahres für ihn heute nicht mehr gilt. Aber das hindert ihn nicht, daran zu glauben, die Wahrheit von heute hätte trotzdem absolute Gültigkeit. Es ist fast ein wenig komisch.

Sind manche Wahrheiten nun wahrer als andere? Man kann bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag darüber debattieren, aber es geht nicht darum, wer Recht hat. Die eigentliche Erkenntnis ist, dass die Frage nicht lautet: Was ist Wahrheit? Sondern: Was ist meine Wahrheit, meine eigene, ganz persönliche Wahrheit?

Der Unterschied mag nicht gleich offensichtlich sein, aber er ist immens. Wenn wir die Suche nach "der" Wahrheit aufgeben, befreit uns das von der Notwendigkeit, mit anderen Menschen einer Meinung zu sein. Wir entspannen uns damit, in verschiedenen Wahrheiten zu leben, die sich nicht durch einen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit gegenseitig bedrohen. Alle Wahrheiten sind nur relative Wahrheiten, nur Perspektiven auf ein Meer aus Schwingungen.

Es wird außerdem unmöglich für einen anderen, mir "die Wahrheit" zu enthüllen oder im Besitz dieser Wahrheit zu sein. Es befreit mich von der Frage, ob das, was ich fühle auch 'wirklich wahr' ist (= die absolute Wahrheit ist), es stellt sich vielmehr die Frage: "Ist das wirklich wahr für mich?"


Evolution der Wahrheit

In meiner Erfahrung bringt uns diese Frage, viel mehr ins Herz und ins Fühlen. Das bedeutet nicht, den Verstand abzustellen und sich guten Gründen oder Logik zu verschließen. Aber die Realität bekommt eine Freiheit und Räumlichkeit, eine Luft zu atmen. Wahrheiten werden flüssig und ändern sich. Statt an einen statischen Endpunkt zu glauben, der "die Wahrheit" ist, an eine Erkenntnis, die man erlangen und ausdrücken könnte, wird Wahrheit zu einem Prozess der Entfaltung und Evolution.

Andere Menschen und Meinungen können mir als Spiegel dienen, zu einer "höheren Version" meiner eigenen Wahrheit zu gelangen - einer Wahrheit, die mir als Wesen einen vollständigeren, authentischeren Ausdruck erlaubt. Aber weder gebe ich meine Wahrheit auf, um die eines anderen zu übernehmen, noch versuche ich, jemanden von meiner Wahrheit zu überzeugen. Es geht mir nur noch um die Evolution meiner eigenen Wahrheit, und darum, diese im Sprechen, Handeln und Sein auf die bestmögliche Weise auszudrücken.


Authentische Suche nach Wahrheit

Für mich scheint es möglich, meine Wahrheit zu fühlen (wohlbemerkt nicht die Wahrheit). Es ist auch möglich, Graubereiche zu spüren, Bereiche, in denen sich Fragen zeigen. Authentische Fragen, die nicht intellektueller Natur sind, sondern sich aus dem Sein ergeben, die aus unserer Tiefe auftauchen, während wir unsere Wahrheit in der Welt leben.

Diese Fragen hängen direkt mit Selbsterkenntnis zusammen, auch wenn es nicht immer offensichtlich ist. Wenn eine solche, authentische Frage in mir auftaucht, scheint es, als würde sich das Leben sich auf eine Weise formen, die mir zur Erkenntnisfindung dienlich ist. Situationen, Gespräche und Begebenheiten formen sich fast magisch zu einem Erkenntnisweg, der mich zu einer höheren Version meiner Wahrheit leitet und einer tieferen Erkenntnis meines Selbst.

Wenn solche Fragen sich beantworten, können wir es deshalb in unserem ganzen Körper als einen Moment des Verstehens empfinden, ein "Aha!", das sich nicht nur mental äußert, sondern unser ganzes Wesen erfasst. Ein solches tiefes Empfinden von Ausdehnung, Stimmigkeit und Öffnung ist, wie wir die eigene Wahrheit von Konzepten und Glauben unterscheiden können, die uns eher eng und verbissen machen können und im Kopf stehen bleiben.

Meine Suche nach Wahrheit hat nicht aufgehört, aber sie hat sich geändert. Sie ist bei mir angekommen, als meine Wahrheit, die ich in mir fühle, die sich in mir entwickelt. Sie ist flüssig und leicht geworden. Und wenn ich, wie in diesem Artikel, versuche sie in Worte zu kleiden, weiß ich wohl, dass sie hinauswachsen wird. Ich erlaube es ihr, Reisende soll man nicht aufhalten.