Der Sturm der Emotionen

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Bei der inneren Arbeit mit Gefühlen habe ich immer wieder darüber gesprochen "in das Gefühl hinein zu gehen". Aber was bedeutet das überhaupt? Wie kann man mit Gefühlen und Emotionen umgehen? In einer Meditation habe ich die folgende Metapher bekommen, wie der Prozess der inneren Arbeit vielleicht beschrieben werden kann.


Der Wirbelsturm der Emotionen

Stell dir deine Emotionen als einen Wirbelsturm vor, einen sich drehenden, mächtigen Tornado aus Empfindungen. In seiner Mitte ist es völlig windstill und dort liegt, vor Blicken verborgen, das wahre Gefühl.

Einige Zeit kannst du vielleicht so tun, als wäre der Wirbelsturm gar nicht da. Du könntest ihm den Rücken zukehren und deine Gedanken so laut drehen, dass du sein Getöse nicht mehr hören kannst. Aber wenn er ein, zweimal deinen Garten verwüstet hat, dann wird es immer schwerer so zu tun, als gäbe es ihn nicht.

Dann traust du dich vielleicht ihn endlich wirklich anzublicken, erschrickst dich aber vor seiner Macht. Vielleicht läufst du weg, vielleicht beschimpfst du ihn. Vielleicht behauptest du, andere hätten ihn zu dir geschickt und verfluchst sie dafür. Vielleicht beauftragst du jemanden, der ihn wegmachen soll.

Wenn du erkannt hast, dass all das nicht hilft, fasst du vielleicht irgendwann all deinen Mut und gehst auf den Sturm zu. Es ist kein leichter Weg, denn mit jedem Zentimeter, den du näher kommst, will etwas in dir nur noch fliehen. Aber es gibt kein Zurück mehr, und du schaffst es, diesmal nicht zu fliehen, dich nicht abzuspalten, sondern präsent zu bleiben, als du die äußere Wand des Tornados berührst.

Auf einmal fühlst du alles, und vielleicht ist das zu viel. Es reißt dich weg: Die Macht der Emotionen, die Story deines Lebens, alles packt dich und wirbelt dich herum, immer und immer wieder. Vielleicht weinst du, vielleicht schreist du, vielleicht läuft das Trauma immer wieder vor deinen inneren Auge ab. Es ist zu intensiv, zu stürmisch, als das du präsent bleiben könntest, als das du wirklich in die Tiefe fühlen würdest. Du bist zu verstrickt und aufgelöst im Drama der Emotionen und eine Runde nach der anderen wirbelt der Sturm dich herum, bevor er dich wieder ausspuckt.

Es hat Mut gekostet, den Sturm überhaupt zu berühren. Und dieser Schritt war wichtig. Aber jetzt glaubst du vielleicht, du hättest dein Trauma aufgelöst, und bist erstaunt, wenn der Sturm das nächste Mal durch deinen Garten tobt. Warum ist er immer noch da?

So geht es vielleicht einige Male: Immer trittst du in die Wand des Wirbelsturmes, immer wirbelt er dich umher, spuckt dich müde und verweint wieder aus. Und immer ist er trotzdem noch da.

Doch dann ist es plötzlich anders. Wieder wirbeln dich deine Emotionen herum, aber du verlierst dich nicht mehr, plötzlich wirst du wach, spürst jede Empfindung in deinem Körper, spürst, wo er sich verkrampft und zusammenzieht. Du lässt die Story los und bleibst nur bei den Empfindungen, entspannst dich völlig in sie hinein, expandierst, lässt dich fallen... und auf einmal bist du nicht mehr in der Wand, auf einmal bist du im Auge des Sturms.

Es ist völlig windstill hier, um dich herum wirbelt die dunkle Wand des Tornados und du lässt sie wirbeln, soviel sie will. Du spürst noch immer ihre Intensität, aber du stehst im Frieden, du fühlst dich leicht, wie von Engeln getragen, wie in Licht gebadet. Und in der Mitte dieses Raumes liegt das wahre Gefühl Wahrheit, und als du deine Hand ausstreckst und es mit deinem Herzen berührst, als du erkennst und verstehst, fühlst und liebst, als du das Geschenk und die Freiheit wieder an dich nimmst, die in diesem Gefühl verborgen lag, fällt der Sturm in sich zusammen, als wäre er niemals da gewesen.


Emotionen und Gefühle

Die Wand des Wirbelsturmes sind für mich die Emotionen. Sie sind nicht das eigentlich wahre Gefühl, sondern eher eine Art Schutzwand, welche das wahre Gefühl im Herzen des Sturms verschleiert. Und doch kommt man an ihnen nicht vorbei. Der Weg führt mitten durch diese Wand hindurch. Die Gefahr ist jedoch groß, in der Intensität der Story und der Emotionen stecken zu bleiben. Wenn das geschieht, drehen wir uns im Kreis. Immer wieder können wir die schrecklichen Emotionen nach oben holen, aber es geschieht keine Heilung. Im schlimmsten Fall eher eine Art Re-Traumatisierung. Dabei ist diese Wand gar nicht dick, der Weg hindurch nicht weit - es sind Akzeptanz, Selbstliebe und Präsenz, die für diesen kleinen Schritt notwendig sind.

Durch die Wand hindurch zu treten, sich durch eine Emotion oder Erfahrung hindurchfallen zu lassen, wirklich in die tiefste Tiefe hinab zu fühlen, ist eine innere, energetische Bewegung, die man mit der Zeit lernt und die beim besten Willen nicht wirklich erklären kann. Präsenz, Hineinatmen, sich hinein fallen lassen - es gibt viele Arten es zu beschreiben, aber es braucht für die meisten Menschen Erfahrung. Zu Beginn setzte dieser Moment bei mir eher durch eine Art Erschöpfung oder ein Aufgeben ein, später lernte ich, diese bestimmte Energie zu finden, die für diesen Schritt nötig ist. Es ist so etwas wie ein Gleichgewicht zwischen absolutem Willen und absoluter Hingabe.

Was mir verrückterweise geholfen hat, diesen Mechanismus zu verstehen, ist kalt zu duschen. Was bei mir passiert war, dass der ganze Körper sich zunächst verkrampfte, ich bekam Atemnot usw. Aber es ist möglich, sich völlig in diese Empfindung hinein zu entspannen und dann ändert sich die Erfahrung vollständig. Das gleich gilt auch für starken körperlichen Schmerz - auch hier ist es möglich, nicht die Sensitivität herunterzufahren und sich abzulenken, sondern völlig präsent im Schmerz zu sein, jede Nuance zu fühlen. Auch hier ändert sich die Erfahrung völlig, der Schmerz, das Leid verschwindet und was bleibt, ist nur eine sehr intensive, aber wertfreie Erfahrung.

Bei Emotionen ist es in meinen Augen sehr ähnlich. Das Leid entsteht hauptsächlich durch den Widerstand gegen die Erfahrung (kurz vor der Wand des Tornados) und die Anhaftung an die Story und die Emotionen (in der Wand des Tornados). Je schneller man durch diese Stadien kommt, desto schneller kommt man ins Zentrum und zur Heilung. Je länger man in diesen Stadien verharrt, desto mehr Leid entsteht für einen selbst. Um die Erfahrung selbst kommt man nicht herum, aber viel von dem Leid ist für die Heilung selbst nicht nötig.

Heilung braucht an sich nicht viel Zeit. Was viel Zeit braucht, ist die Bereitschaft zu entwickeln wirklich auf den Sturm zuzugehen und die Anhaftung an die Emotionen aufzugeben.

Problematisch ist für mich persönlich noch immer die Zeit, in der ich die Emotionen verleugne und selbst noch nicht spüren kann - hier braucht es oft jemanden oder etwas im Äußeren, das mich genug provoziert, dass sich diese Verleugnungs-Position verlasse - selbst wenn der Sturm schon etliche Male meinen Garten verwüstet hat. Es ist wohl eine Mischung aus Trotzigkeit, Angst und Groll die oft dazu führt, dass ich mir Sachen einfach nicht ansehen will.


Die Lagen der Emotionen

Wie ich schon mal in einem anderen Artikel beschrieben habe, sehe ich für die meisten Prozesse mehrere Schichten:

Verleugnung
Abwehr-Emotion (oft Projektion)
Masken-Emotion
Authentischer Schmerz
Authentisches Bedürfnis
Heilung/Geschenk

In Seminaren und auch in meinen Coachings konnte ich immer wieder beobachten, wie diese Schichten durchlaufen werden. Für jeden scheint ein anderes Stadium besonders schwer zu sein. Für mich ist es die Verleugnung, der Rest geht dann recht schnell.Andere scheinen einen guten Zugang zu ihren Emotionen zu haben, bleiben aber in Wirklichkeit in der Masken-Emotion (der Wand des Tornados) stecken, da sie sehr intensiv ist und man sich leicht darin verstrickt. Es ist oft gut, zu weinen, zu schreien, zu toben, um die Energie aus einem Thema "rauszulassen", um den Widerstand aufzugeben und langsam tiefer zu gehen. Aber sensitive Menschen können sehr schnell fühlen, wann ein anderer Mensch sich im Drama verliert und aus dem authentischen Fühlen in ein emotional inszeniertes Drama abgleitet. Es ist für viele Menschen anfangs schwer zu glauben, dass diese Emotionen keine Wichtigkeit an sich haben sollen, dass sie sogar von den wahren Gefühlen ablenken können und der Heilung fast schon im Weg stehen. Und noch schwerer ist es, die Story gehen zu lassen, den Groll, die Schuld, oder was immer unser Verstand sich zurechtgelegt hat, um den ursprünglichen Schmerz zu kaschieren.

Auch in den Emotionen liegt immer eine Wahrheit, sie sind eine notwendige Schicht aber meine Erfahrung ist, dass erstens die Ursachen fast nie auf dieser Ebene liegen und man zweitens leicht stecken bleiben kann. Dann kann es passieren, dass man von Heiler zu Heiler und Seminar zu Seminar pilgert, ohne je wirkliche Erleichterung zu erfahren.

Was bedeutet das konkret? Es bedeutet, in emotionalen Prozessen immer wach zu bleiben, vor allem genau zu spüren, wo die Emotionen im Körper sind, und wie sie sich dort anfühlen. Für mich werden diese körperlichen Symptome immer wichtiger. Ein Teil meiner Aufmerksamkeit beobachtet den ganzen Tag, wie mein Körper reagiert. Es bedeutet auch, das Drama und die Story wahrzunehmen, aber sich nicht darin zu verlieren, sondern wachsam und neugierig zu bleiben und sich immer tiefer in das reine Fühlen hineinzubewegen, sich immer mehr in die Empfindungen hinein zu entspannen. Körperlichen Ausdruck wie Weinen, Schreien, Zappeln oder was auch immer sollte man unbedingt bewusst zulassen, aber sie sind nur Türen, durch die wir in die Tiefe gehen können, Schicht um Schicht.

Vielleicht hilft dem ein oder anderen dieses Bild. Ich wäre sehr interessiert, ob du schonmal eine Erfahrung gemacht hast, wie sich inmitten eines Dramas plötzlich ein Raum tiefen Friedens geöffnet hat und wie du das beschreiben würdest.

Alles Liebe
David