Hypersensitivität: Segen oder Fluch?

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Seit einiger Zeit wird viel über ein psychologisches Phänomen namens Hypersensitivität/ Hochsensibilität geschrieben. Ich habe mir zunächst nicht viel daraus gemacht, weil ich mich persönlich nie in diese Kategorie eingeordnet habe. Schließlich hatte ich mir viele Jahre alle Mühe gegeben, meine Sensitivität möglichst gut zu verstecken - vor mir selbst und der Welt. Der unberührte Buddha, das war mein Ideal und alles andere war auch zu schmerzhaft, denn wenn ich mich öffnete, kam ich mit der Intensität der Reize einfach nicht klar. Heute weiß ich um meine Sensitivität und dass ich gerade aufgrund dieser Sensitivität so viele Vermeidungsstrategien entwickelt hatte.

Durch zahlreiche Gespräche mit erwachenden Menschen glaube ich mittlerweile, dass alle Erwachenden zu Hypersensiblen werden - manche vielleicht ausgeprägter als andere, aber es scheint eine natürliche Folge eines authentischen Erwachens zu sein.


Reizüberflutung

Für mich und viele andere war es anfangs nicht einfach, mit diesem Zustand umzugehen. Er passt nicht zu unserer Gesellschaft, mit ihrer grell flackernden Reizüberflutung. Er passt nicht zu lauten Städten, vielen Menschen, Bars, Clubs und Fußgängerzonen, er passt oft nichtmal zu einer Wohngemeinschaft. Das ganz „normale“ Leben ist für nicht wenige zeitweise oder dauerhaft ein Zustand kompletter Überstimulation. Es ist alles zu viel, zu intensiv, zu laut, zu disharmonisch.

Es fällt nicht leicht diesen Zustand zu umarmen, vielleicht führt er sogar zu Selbstzweifeln und Selbstverurteilung. Was stimmt mit mir nicht? Bin ich zu sensibel für die Welt?

In meinen Augen ist das Gegenteil der Fall: Wir wurden über Jahrhunderte systematisch desensibilisiert - in Bezug auf fast alles. Ob es die Salz- und Zuckerkonzentration in unserem Essen ist, das Fehlen von Stille, das Bodybuilding, die Computerspiele, der Porno-Sex, die Medien... alles  stumpft unsere Sinne ab, zerstört unser Feingefühl. Und weil wir trotzdem noch wenigstens etwas fühlen wollen, werden die Reize immer weiter erhöht – ein Teufelskreis.

Wir sollten nicht vergessen: Unsere natürliche Lebensumgebung ist die Natur. Setz dich mal auf eine Waldlichtung, an einen See, einen kleinen Bach, unter einen Baum - das ist deine natürliche Umgebung. Das ist, wofür wir gemacht sind.


Rückkehr zur Hypersensibilität

Die spirituelle Reise ist in meinen Augen also auch das Zurückerobern unserer Sensitivität. Unser Körper, das emotionale und mentale Feld öffnen sich, expandieren immer weiter. Wir fühlen immer mehr, immer feiner, immer tiefer. Wir spüren uns selbst, die feinen Nuancen unserer Energie und unserem Körper, dann spüren wir bald auch unser Gegenüber, dann das ganze Feld in einem Raum, in der Stadt... Wir dehnen unsere Wahrnehmung weit in das Feld hinein aus und was vorher vielleicht allenfalls als unterbewusster Reiz dumpf an unser Bewusstsein drang, ist nun klare, intensive bewusste Wahrnehmung. Alles auf einmal.

Für einige Zeit habe ich gar nicht verstanden, dass manches, was ich da fühle gar nicht "meine Gefühle" sind, sondern meine Wahrnehmung des Feldes. Wir sind es nicht gewohnt, so zu denken, dass ein Gefühl nicht aus uns kommt. Dass die Verspannung in mir gar nicht aus mir kommt, sondern eine Reaktion ist, eine Art Angst vor der Intensität der äußeren Reize. Größere Gruppen waren Stress für mich, ich fühlte viel zu viel auf einmal, verlor mich oftmals in diesem Wirrwar aus Frequenzen, konnte mich selbst nicht mehr fühlen, weil ich in diesem Lärm den Kontakt zu meiner eigenen Seelenfrequenz verlor.

Zunächst dachte ich immer, etwas in mir sei getriggert worden, irgendein Thema. Ich versuchte erfolglos damit zu arbeiten, konnte aber in mir nichts finden, keinen Grund, keine Ursache, kein Trauma. Es war verwirrend, bis ich verstand, was ich da eigentlich fühlte, woher dieses intensive Erleben kam.


Fluch und Segen

Die schlechte Nachricht ist: Es wird nicht wieder weggehen. Die gute Nachricht ist: Es wird immer intensiver.

Mit der Sensitivität kommen viele Gaben. Ich nehme heute viel mehr Details war, viel feinere Nuancen, kann näher an die Essenz der Dinge spüren. Ich kenne mich selbst besser, kann kleinste Verspannungen und Gefühlsregungen in mir wahrnehmen, bin vertraut mit meiner Energie und meiner inneren Welt. Da ist mehr Empathie, mehr Gefühl für das Feld anderer Personen, von ganzen Gruppen oder Räumen. Ich kann Menschen fühlen, jenseits ihrer Worte und Masken. Ich kann den natürlichen Fluss stärker spüren, das, was in einem Moment wirklich passieren möchte, in welche Richtung Energie sich bewegt.

Aber es gibt eben auch große Herausforderungen. Die permanente Reizüberflutung, die Anfälligkeit für die Emotionen anderer Menschen, die Probleme mit Gruppen, Städten, Lärm und Hektik. Ich brauche sehr viel Zeit allein, in Stille, am liebsten in der Natur. Es fällt mir manchmal schwer, nicht "zuzumachen", in Introvertiertheit zu verfallen. Ich brauche den Raum, mich selbst immer wieder zu finden und zu spüren, Klarheit zu finden, was mein Kram ist, und was ich nur spüre.

Wie also damit umgehen? Sich immer wieder Zeit für sich selbst zu nehmen ist wohl das Wichtigste am Anfang. Immer wieder aus dem "Energielärm" herauszutreten, sich selbst zu spüren und dann wieder hineinzugehen, versuchen in der eigenen Mitte zu bleiben, auf die eigene Frequenz zu hören. Das ist aber eher eine „notwendige Flucht“, noch keine Lösung. Selbst wenn man gelernt hat, mit Sensitivität umzugehen, sind diese Auszeiten jedoch wichtig - zumindest so lange die Welt so ist, wie sie ist, solange die meisten Menschen so viel Spannung in ihrem Feld mit sich herumtragen, solange ein derart gewaltiges Ausmaß an Disharmonie herrscht.

 

Anhaftung an Emotionen

Es sollte klar sein: Dieser Zustand hört nicht wieder auf, die Intensität wird bleiben. Aber man kann lernen, klar zu bleiben darin, zentriert und völlig wach durch und in der Erfahrung. Es geht aus meiner Sicht langfristig darum, die Anhaftung an und die Identifikation mit Emotionen immer mehr loszulassen. Auch Widerstand ist eine Form der Anhaftung, Freiheit ist nicht Freiheit von der Erfahrung, sondern durch die Erfahrung hindurch.

Nur wenn ich mich mit der Erfahrung identifiziere, zieht sie mich in einen Strudel, weg von mir selbst. Wenn es mir aber gelingt, völlig offen zu sein, absolut berührbar aber durchlässig, dann bin ich frei - nicht weil ich mich verschließe oder weglaufe aus der Erfahrung, sondern weil ich als Seele mitten in ihr sein kann.


Intensität

Ein Trauma ist eine Erfahrung, die wir als zu intensiv bewertet haben und uns deshalb vor ihr verschlossen haben. So bleibt sie in unserem System eingeschlossen und ein Teil unserer Seele bleibt abgespalten. Ein Trauma löst sich auf, wenn wir erkennen, dass wir die Erfahrung erlauben können, dass es für uns als Seele keine zu intensiven Erfahrungen gibt.

Der Weg dahin ist paradoxerweise nicht Desensibilisierung, sondern Sensitivität. Ja, man kann intensive Erfahrungen auch aushalten, indem man sich abspaltet - wie Marathonläufer, die aus ihrem Körper gehen. Aber man kann sie auch transzendieren, indem man die Angst davor verliert und die Erfahrung voll zulässt, indem man immer tiefer in das Gefühl geht, mit Gleichmut, immer tiefer in den Körper, in jede Zelle, das reine Spüren. Dann wird die Erfahrung wieder zu einer puren Erfahrung, ohne Bewertung und Anhaftung. Und wir verwandeln uns von einer Identität zu reiner Präsenz im Jetzt. Je mehr Erfahrungen wir völlig wach und bewusst erleben können, desto weniger Anhaftung ist da, desto freier sind wir. Jedes Trauma ist die Einladung zu Expansion.

Erleuchtung ist Erleuchtung durch alle Dinge und Erfahrungen. Diese Welt ist eine Welt der Dualität, sie ist Glück und sie ist Schmerz, man kann nicht nur eine Seite haben. Wenn man das versucht, bildet sich eine Identität, welche die andere Seite zu vermeiden sucht. Freiheit ist die Freiheit, alles zu fühlen, durch jede Erfahrung man selbst zu sein. Solange wir uns vor kalten Duschen fürchten, ist noch ein gutes Stück Weg vor uns.

Hypersensibilität ist in dieser Hinsicht fast wie ein Trauma: Es ist eine Erfahrung, die man vielleicht zunächst als zu intensiv bewertet. Wenn wir aber einmal an diesem Punkt angekommen sind, besteht die Einladung zu einer gewaltigen Expansion: Der Loslösung von Identifikation und Anhaftung, ein Sprung als reine Präsenz mitten in die Intensität des Lebens. Frei von Angst und Identifikation kann Sensitivität endlich ihre wahren Gaben überbringen.

 

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