„Spieglein, Spieglein an der Wand….“ – Der Spiegel und sein Spiegelbild

Muss ich mir alles, was mir geschieht, bieten lassen? Muss ich unbefriedigende Lebens- und Arbeitssituationen, destruktive zwischenmenschliche Beziehungen und was auch immer im Alltag auf mich einprasselt, als gegeben annehmen? Oder geht es nicht viel mehr darum, Entscheidungen zu treffen, unliebsame Umstände zu verändern, Personen zu verlassen, die einem nicht länger dienen und Jobs zu kündigen, die mich nicht befriedigen oder gar meine Seele verraten?

Ich habe an mir selbst folgendes festgestellt: Umso mehr eine bestimmte Lebenssituation ein ungewolltes Gefühl in mir anrührt, gar Wut, Schmerz, Selbstverachtung und Minderwertigkeit ins Spiel kommen, umso mehr bin ich bereit, mich im Außen zu verlieren und täglich krampfhafter nach einer Lösung für mein vermeintliches Problem zu suchen. Wir Menschen sind im allgemeinen gewissen Konditionierungen unterlegen. So sind wir beispielsweise darauf konditioniert, unseren Schmerz, unsere Wut und die ganze Pallette in dem Augenblick, wo sie sich ansatzweise zeigen, in die Schublade der sogenannten „negativen Gefühle“ zu stecken. Diese ist so weiträumig wie irgend möglich zu umschiffen. Ich spüre, dass ich mich unwohl fühle und ich möchte, dass es aufhört. Also versuche ich logischerweise, den Auslöser für mein Unwohlsein zu beseitigen. Ich distanziere mich vielleicht von meinem Partner, versuche meinem Kind (meist ohne bleibenden Erfolg) unerwünschte Verhaltensmuster abzugewöhnen, ziehe die Kündigung meines Jobs in Betracht und und und. Natürlich weiß ich, dass alles im Außen ein Spiegel ist, aber umso schmerzhafter die Emotionen, die sich in mir an die Oberfläche drängen, umso dringender und existenzieller der Wunsch, möglichst schnell Abhilfe zu schaffen.

Ich spüre, wir leben in einer Zeit, die extrem beschleunigt ist. So kam es, dass ich mich sehr bemühte, eine unerwünschte Situationen abzustellen, aber in dem Augenblick, wo ich dachte, an der einen Front einen persönlichen Sieg davon getragen zu haben, kamen an ihrer Stelle drei neue Situationen, die meine Emotionen ansteuerten. Es war irgendwie zum Verzweifeln. Tief in mir gab es diese leise Stimme, die mich aufforderte, doch mal genauer hinzugucken. Doch der Trotz, der mir zugleich flüsterte: „das können sie mit dir nicht machen…“ war lauter. Ich wurde von Tag zu Tag energieloser und deprimierter, denn der Kampf gegen unsere unerwünschten Lebensumstände, die permanenten Fragen im Kopf, was ich nun Tun soll, verbrauchen unglaublich viel Energie.

Ich glaube, alle Dinge haben ihren eigenen Rhythmus und Zeitplan, deswegen hat auch eine Phase des Trotzes und der Dickbockigkeit durchaus seine Berechtigung, durften wir doch als Kind oftmals gerade dass nicht ausleben. Irgendwann kam bei mir allerdings der Tag, an dem ich die Aussichtslosigkeit meiner Bemühungen, irgendetwas um mich herum zu verändern spürte, der Bock mich auch nicht weiter brachte und was am schlimmsten war – ich fühlte mich meilenweit von mir selbst entfernt. Mein Partner wird sich von mir nicht ändern lassen, die Entscheidung, meinen Job zu kündigen, kann ich gerade nicht treffen, so sehr ich mich selbst tagtäglich unter Druck setze und mein Kind lässt sich schon gar nicht in irgendeine Form pressen.

Und so kommt der Tag, da sitzt du vor dem Spiegel, und kannst nicht mehr weggucken. So sehr du den Spiegel geputzt, gewienert, poliert und angemalt hast, es verändert nichts, rein gar nichts an dem, was du siehst. Du bist Du. So siehst du aus in diesem Augenblick und der Spiegel kann absolut gar nichts für deine Trauerfalten und deine dunklen Augenringe. Du kannst den Spiegel zerschmettern, dir einen neuen kaufen, es wird dir nicht nützen. Selbst wenn du dich entschließt, nie wieder einen Spiegel zu kaufen, eines schönen Tages machst du einen Spaziergang am See und kaum hast du dich versehen, guckst du hinein. Und wen siehst du? DICH!

Diese simple und doch sehr tiefe Erkenntnis hatte ich in diesen Tagen, in denen ich bockig wie ein kleines Kind in meiner Zimmerecke saß, die Welt verfluchte und mich selbst bemitleidete. Schau dich an. Das Spiegelbild kann sich nur durch den Spiegelnden verändern. Die Augenringe gehen nur weg, wenn ich mehr schlafe. Mir wurde bewusst: Ich kann mich auf den Kopf stellen, mein ganzes Leben neu konzipieren, an meinen tiefen, schmerzvollen Emotionen der Selbstverachtung und der Minderwertigkeit, der Ausgeschlossenheit und Unfähigkeit und was da nicht alles endlich gesehen werden wollte, werde ich nicht vorbei kommen. Ich kann mir den Stress machen, dieses Leben Jahr für Jahr meine verschiedenen Lebensbereiche umzugestalten, wann immer mir diese meine ungeliebten Emotionen über den Weg laufen (wie ich es übrigens jahrelang probierte) aber erstens hat es sich nicht bewährt und zweitens bin ich dann eben im nächsten Leben dran.

Was ist eigentlich so schlimm daran, unfähig zu sein, schwach zu sein, minderwertig zu sein, ein Looser zu sein? Und so kapitulierte ich irgendwann vor meinem eigenen Spiegelbild, kniete nieder und traute mich endlich, ehrlich hineinzuschauen. Ich fühlte wirklich, wie ich mich fühlte, fühlte all mein Versagen, fühlte meine Verachtung mir selbst gegenüber, den Schmerz, der damit verbunden war und stellte zu meinem Erstaunen fest: es ist gar nicht schlimm.. Ich muss nicht mehr so tun als ob, mich nicht schminken und nicht mehr verkleiden. Ich bin wie ich bin. Und ich BIN gar kein Versager, ich FÜHLE mich nur so. In dem Augenblick, in dem ich mir endlich zugestand, so zu fühlen, vielen nämlich Großteile davon auch schon ab. Das ist das Magische an all unseren vermiedenen und ungeliebten Emotionen: In dem Augenblick, wo sie nicht mehr ausgesperrt und verleugnet sondern gesehen und zugelassen werden, fallen sie ab. Und damit bin ich um eine Emotion erleichtert. Ein kleines Stück mehr Licht umgibt mich. Und mein Spiegelbild somit auch.

 Das ist die Essenz für mich. Mein Spiegelbild, das was mir im Leben begegnet, verändert sich von selbst in dem Augenblick, indem in meinem Inneren etwas geschieht. Ich muss nichts am Außen verändert. Ich muss nur meinen Fokus um 180 Grad verschieben. Es geht nie um das, um was es geht. Das ganze Leben wird von uns, meist unterbewusst so kreiert, dass wir Stück für Stück unsere ganzen blinden Flecken, bestehend aus verdrängten, missbilligten und ungewollten Anteilen samt den dazugehörigen Emotionen erkennen und integrieren können.

In dem Augenblick, in dem ich mich entscheide, mein Spiegelbild schonungslos zu betrachten, auch wenn ich Angst habe davor, etwas furchtbar Hässliches zu erblicken, begegne ich mir wieder selbst und bin mir nah. Es beginnt, etwas in mir zu fließen. Die Stagnation ist vorbei. Ich kehre zur Lebendigkeit zurück. Mein Inneres verändert sich, und damit auch das Außen. Umstände, die nicht mehr als Lupe für meine blinden Flecken gebraucht werden, fallen wie von selbst ab, mein Kind braucht gewisse Verhaltensmuster nicht mehr aufzulegen, weil da keine Emotion mehr in mir ist, die es sichtbar zu machen gilt, mein ungeliebter Job wird gekündigt, weil er seinen Sinn erfüllte. Und wenn ich mich bezüglich bestimmter Gegebenheiten monatelang mit einer Entscheidung quälte, so fühle ich nun eine tiefe Klarheit. Es kostet mich keine Energie mehr, diese anstehende Entscheidung zu treffen, weil die Richtung klar ist.

Um auf die eingangs erwähnte Frage zurück zu kehren, muss ich mir alles bieten lassen? Nein, in dem Augenblick, wo ich den Fokus von dem, was mit mir gemacht wird, auf das, was es mit mir macht richte, werde ich vom Opfer zum Ermächtigten. Von dieser Ebene aus geschieht eine natürliche Abgrenzung und eine Wahrung meiner individuellen Integrität, die ich in Würde und Respekt nach Außen vertreten kann und werde, weil ich BEI mir bin.

Aber selbst wenn sich unsere Umstände auf magische Weise ändern, wenn wir auf den Fokus auf unser Inneres legen – keine Angst, es wird nicht langweilig. Für mich ist der Sinn unseres menschlichen Seins die Selbsterkenntnis und -annahme in Liebe. Die Integration unserer Schatten. Sind die einen angeschaut, geliebt und integriert, lauern schon die nächsten. Jeder Schatten weist uns den Weg zum Licht. Willkommen im Lebens-Prozess.

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7 Kommentare zu „„Spieglein, Spieglein an der Wand….“ – Der Spiegel und sein Spiegelbild“

  1. Danke liebe Jasmin,
    in meinem

    Danke liebe Jasmin,

    in meinem Weltbild geht es um drei Dinge, von denen ich erfahren durfte, dass sie meine Schwingungsfrequenz anheben:

    Das Erste ist die Liebe, ohne die garnichts geht. Ich will mich bei allem, was ansteht immer wieder fragen, ob mein Handling etwas mit Liebe zu tun hat.

    Das Zweite ist die Annahme dessen was ist, im hier und jetzt. Wenn irgend etwas  geschieht, was mir nicht zuträglich ist, muss ich mich dem nicht aussetzen, denn das verhindert die Liebe und die Achtung vor mir selbst.

    Das Dritte ist das Loslassen. Das loslassen dessen, was nicht mehr zu mir gehört.

    Ja ich weiß, dass sich das ganz gut liest, aber auch ich bemerke, dass diese Dinge alle in meinem Kopf sind, was noch garnichts bewirkt. Die Verbindung vom Kopf zum Herzen ist nötig, um diese Erkenntnisse anzuwenden. So danke ich dir, dass du mir/uns allen, einen Spiegel gezeigt hast und für die Erkenntnis, dass keiner von uns allein ist, mit seinen Schatten.

    Alles liebe für dich

    Fred  

  2. Danke!

    Liebe Jasmin!

    Danke für Deine Worte. Sie kommen gerade richtig. Ich renne nämlich gerade vor meiner Unklarheit davon… Aber sie holt mich an allen Ecken und Enden des Lebens wieder ein 😉

    Danke für Deine klaren Worte. Sie erINNERN mich wieder, was wirklich zu tun ist 🙂

    Alles Liebe, Katja

  3. Liebe Jasmin,
    danke für diese

    Liebe Jasmin,

    danke für diese Zeilen der Weisheit, die mich im genau  richtigen Moment erreichen. Ich bin recht neu auf dieser Seite, und befinde mich gerade in einem Kreuzfeuer der Gefühle und Emotionen durch einen wunderbaren Spiegel, eine neue Beziehung die kürzlich in mein Leben getreten ist. Er trickert im Stakato einfach alles Positive, Kreative, Estatische. Aber auch öfters meine tiefen, schmerzvollen Emotionen. Frage: Sind solche Gefühle der Selbstverachtung und der Minderwertigkeit, der Ausgeschlossenheit und Unfähigkeit, sowie Verlassenwerdenängste, Angst vorms körperlichen Altern, und und … nicht etwas, was fast alle, zumindest ganz viele, Frauen mit sich herum tragen? MIr scheint so, nachdem was ich  erfahre.

    Danke nochmal, dass Du es mir hier, noch einmal gezeigt hast, dass an mir nichts verkehrt ist.

    Manchmal ist es zum Verzweifeln: Ich nehme meine inneren Dämonen an, fühle die Gefühle, und wups, schon zeigen sich die nächsten, oder vielelicht dieselben in neuer Verkleidung …? So innerlich hatte ich um Hilfe gebeten, diesen Weg gehen zu können.  Jetzt passiert es alles, und alles auf einmal, das ist wirklich eine tolle Herausforderung. Aber sie macht mir auch Angst, dass ich/die Dämonen in mir (wieder mal) alles zerstören, und ich alles verlieren könnten … Diese Angst ist am Mächtigsten, auch meinen Partner macht meine episodischen Panikattacken zum Schaffen. Aber sag, können wir überhaupt etwas falsch machen ?

     

    Herz-lichte Grüße

    Su.

     

    1. Liebe Sukavi,
      mit interesse

      Liebe Sukavi,

      mit interesse habe ich deinen Kommentar gelesen und bei einigem, was du geschrieben hast, fand ich mich selbst wieder.

      Gern will ich dir sagen, dass du in meinem Weltbild genau richtig bist, so wie du bist und bei dem, was du tust. Mir hat einmal jemand erzählt, dass er nie etwas falsch macht. Zuerst dachte ich "wie arrogant", aber dann bin ich mal in diese Thematik eingetaucht und es entstand die Erkenntnis, dass auch ich nichts verkehrt mache. Wenn ich eine Entscheidung treffe, dann ist das für mich, in diesem Moment, genau richtig, denn sonst würde ich ja anders entscheiden. Natürlich kann sich herausstellen, das das nicht die optimale Entscheidung war, aber im Moment der Entscheidung war es richtig. Wie du sicherlich bestätigen kannst, schüttelt uns alle diese Zeit richtig durch, womit ich sagen will, dass du nicht allein bist. Wir haben nichts zu verlieren, außer unsere Ängste und mit jedem Stück Angst, das wir loslassen, entsteht mehr Raum in uns – Raum für mehr Liebe.

      Alles was Liebe ist, wünsche ich dir.

      Fred

      1. Lieber Fred,
         
        DANKE für

        Lieber Fred,

         

        DANKE für Deine einfühlsame Antwort, die mein Herz wärmt!

        Es stimmt, diese Zeit nimmt uns ganz schön in die Mangel, und es freut mich immer zu er-fahren, dass ich damit nicht all-eine bin …

        Wie Du schreibst " Wenn ich eine Entscheidung treffe, dann ist das für mich, in diesem Moment, genau richtig, denn sonst würde ich ja anders entscheiden" stimmt im Prinzip, aber das Problem dabei ist für mich, dass "ich" gar nicht immer zu einer Entscheidung komme, ehe die Dämonin Angst hoch fährt und re-agiert, also quasi für mich entscheidet, und womöglichst allerhand Glass zerschlägt … Es ist eben so, dass diese Ängste sehr tief sitzen und mächtig sind, ob es "mir" nun gefällt oder nicht. Da kann frau wohl nichts weiter tun, außer sich darin zu üben, alles ohne Beurteilung wahr zu nehmen und , die Gefühle möglichst liebevoll anzunehmen (wie "mein" Lehrer Samarpan uns immer rät)  …  oder ?

         

        Dir alles Liebe auf Deinem Weg,

         

        Sukavi

  4. Schatten und Licht

    Hallo ihr Lieben,

    ich habe zur Zeit die Situation das ich merke das mein Job als Zeitarbeitskraft mir privat schadet und meine Psyche gefährdet.

    Der Gedanke jedoch den Job nicht mehr zu haben und nichts mehr unternehmen zu können, weil das Geld fehlt macht mir jedoch auch Stress.

    Die Frage ist nun was soll ich tun? Mein Herz sagt mir mach weiter solang du es kannst und wenn ich dann Aufgaben bekomme die mir nicht gefallen, die aber dazugehören zum Job sollte ich den Job kündigen.

    Dazu kommt das mein Vater mein Boss ist und der macht mir psychisch soviel Stress und Druck wenn ich kündigen würde…

    Habt ihr eine Idee wie ich mit diesem inneren Konflikt klarkomme? Wie sollte ich entscheiden? Was bringt weniger Schmerz und Leid?

    Liebe Grüße

     

    Ninetails

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