Die Hingabe an den Urschmerz

Bild des Benutzers Jasmin

Einer der größten Herausforderungen, die ich gerade durchlebe, ist die Konfrontation mit meinem Urschmerz. Oft wurde ich in meinem Leben schon mit diesem überwältigen Gefühl der Leere, der Verlorenheit und der Getrenntheit konfrontiert, aber bisher bin ich immer weggelaufen, habe mich betäubt, habe mich auf die verschiedensten Arten geweigert, diesen Schmerz zuzulassen, weil er so überwältigend ist, dass es sich anfühlt, als würde man sterben. Wieder und wieder kam dieser Schmerz zu mir, um angesehen zu werden, um endlich gefühlt zu werden und jedes Mal türmte sich ein Gebirge an Widerständen in mir auf.

 

Mit zunehmendem Bewusstsein erkannte ich in den kleineren Dingen im Leben, dass wirkliche Heilung und Annahme nur geschieht, wenn wir mitten durch gehen. In der Auseinandersetzung mit „kleineren“ Emotionen gelang es mir immer besser, meine Widerstände zu entlarven und sie Stück für Stück beiseite zu räumen. Aber immer, wenn ich an die Grenze zu meinem Urschmerz kam, wurde es in mir so unerträglich, dass ich mich nur noch schützen wollte. Mauern, die ich längst eingerissen glaubte, bauten sich in Sekunden wieder auf, Projektionen, die ich längst dachte, nicht mehr zu benötigen, wurden wieder installiert und der Fluchtimpuls aus der schmerzauslösenden Situation wurde immer vehementer. Ich fühlte mich mehr und mehr, als würde ich an einem Abgrund stehen, der direkt in ein schwarzes Loch mündete.

 

Als ich schon dachte, ich würde auch diesmal wieder scheitern, gab es eine Instanz in mir, die beschloss, mich zu öffnen, einen Impuls, der mich aufforderte, endlich loszulassen, zu springen, hinweg über diesen Abgrund. Mich mir selber und dem, was da so überaus eindringlich nach Erhörung schrie, hinzugeben.Es fühlte sich für mich tatsächlich an, als ob ein Stück von mir sterben würde, wenn ich diesen Schmerz dieses Mal zulasse. Ich hatte körperliche Symptome, die von Gelähmtheit, Überlkeit bis hin zu übergrosser Panik reichten, ausglöst durch die jahrelang manifestierten Widerstände gegen das Fühlen dieses überwaltigenden Schmerzes. Gefühlte Tage kämpften in mir das übermächtige Bedürfnis, diesen Schmerz zu kontrollieren, ihn wieder zu verbannen, dorthin wo er schon so lange schmorte mit der Gewissheit, das ich immer wieder damit konfrontiert werden würde, bis ich endlich beginne, loszulassen. Mit der bewussten Entscheidung, diesmal nicht auszuweichen, geschahen etwas für mich völlig Überraschendes. Ich öffnete dem Schmerz zum ersten Mal mein Herz, erst zaghaft und das entschlossener.

 

Trotz all der Ängste und dem dumpfen Gefühl des Wahnsinns zeigte sich mehr und mehr auch ein tiefer Frieden, eine Ruhe, die ich dort niemals vermutet hätte. Es kamen Bilder aus meiner Kindheit, Erinnerungen an einen Schmerz, der zumindest in diesem Leben, genau dort seinen Anfang nahm. Ich konnte fühlen, dass dieser Schmerz seine Wurzeln in der traumatischen Trennung von der bedingungslosen Mutterliebe, in dem Verlust der tiefen Geborgenheit, die wir in den ersten Jahren im Idealfall von unserer Mutter bekommen, liegt. Ich konnte fühlen, in welch bodenlose Tiefe ich damals, als hilfloses Kind gefallen bin, als ich von dieser Mutterliebe getrennt wurde – ohne eine Alternative an Halt und Liebe im mir geschaffen zu haben.

 

Ich denke, dass die meisten Menschen in unserer Gesellschaft diese traumatische Trennung von der bedingungslosen Mutterliebe mit sich herum tragen. Wenn wir dem Kleinkindalter entwachsen und durch Institutionen wie Kindergarten und Schule unsanft und oft ohne Vorbereitung von unseren Müttern getrennt werden, entsteht ein übergroßes Vakuum – ganz schweigen von anderen, weitgehenderen traumatischen Kindheitserlebnissen. Die natürliche Entwicklung des Kindes sieht es vor, das die notwendige Ablösung von der Mutter einhergeht mit einer immer stärker werdenden Verbindung zu Gaia, unserer Mutter Erde, die es uns schlussendlich ermöglicht, voller Vertrauen und Halt in uns selbst in unser Leben zu treten. Leider ist es unter den gesellschaftlichen Bedingungen und Anforderungen, die unser Leben bestimmen, so gut wie unmöglich, dass dieser Übergang reibungslos erfolgt, meist vollzieht er sich gar nicht. Weg von dem nährenden und wärmenden Mutterschoß wurden wir oftmals viel zu früh in eine Welt der Konkurrenz und der Anpassung geschmissen, die uns oft nur dadurch gelang, dass wir uns von unserer Gefühlswelt mehr und mehr distanzierten. Zurück blieb ein Gefühl undefinierbarer Leere und des Verlusts sowie die zunehmende Sucht, diese Leere im Außen wieder zu füllen.

 

Im weiteren Verlauf meines Prozesses konnte ich weiter fühlen. Ich erkannte, dass diese schmerzvolle Trennung von der Mutter nur ein Symbol für die Trennung der Seele von dem Meer der universellen unendlichen Liebe, des grenzenlosen Friedens und der Geborgenheit des großen Ganzen war. Das dieser Schmerz entstand, als sich die Seele entschieden hat, in die Dualität einzutreten, zu inkarnieren und in das menschliche Drama einzutreten. All das wurde begleitet von einem starken Mitgefühl für das kleine Kind in mir, das sich so lange so unendlich alleine und verloren gefühlt hat. Zum ersten Mal erlebte ich, dass ich diesem Gefühl nicht hilflos ausgeliefert bin, wie ich so lange an nahm, sondern das in meinem Inneren alles vorhanden ist, um mir nun selbst diese solange im Außen erfolglos gesuchte Liebe und Geborgenheit zu geben. Das ich mich selbst an die Hand nehmen kann, mich voller Mitgefühl und Annahme, voller Verständnis umarmen kann, um mir die Wärme und die Geborgenheit zu geben, nach der ich mich, so lange ich denken und fühlen kann, sehnte. Für mich war das eine der umwälzendsten Erfahrungen meines bisherigen menschlichen Daseins, zu erleben, dass die Abhängigkeit vom Außen eine der größten Illusionen ist, die wir uns erschaffen. Das wir all das in uns tragen, nach dem wir uns voller Sehnsucht verzehren. Und zumindest für mich habe ich erkennen dürfen, dass dieser Weg nicht darüber geht, von einem anderen Menschen geliebt zu werden, wie ich so lange immer dachte, sondern das sich dieses warme Licht der Liebe direkt hinter meinem größten Schmerz verbirgt, den ich so viele Jahre wie ein Monster gefürchtet habe, verdammt und weggeschlossen habe.

 

Meine Erfahrung möchte ich deshalb teilen, um Mut zu machen. Mut, zu fühlen. Mut, nicht mehr wegzurennen. Mut, endlich die Mauern nicht mehr entstehen zu lassen, die uns dicht machen, in uns immer wieder das Gefühl des Getrenntseins und der Verlorenheit reproduzieren. Mut, sich all dem Schmerz hinzugeben, ihn zuzulassen. All die Bilder, die unsere Ängste malen, um sich vor dem Fühlen unseres Urschmerzes zu schützen, treffen nicht zu. Sie sind Illusionen, Hirngespinste. Weil sich in Wirklichkeit dahinter unsere tiefste Liebe verbirgt. Das Gefühl, zu Sterben, wenn ich mich öffne, ist trotzdem real. Es sterben stückchenweise unsere alten Vorstellungen und Glaubenssätze. Sie machen Platz dafür, dass wir uns selbst in kleinen Schritten näher kommen, unserer Liebe und unserer Ganzheit. Und dieser Prozess ist lebenslang.

 

Bilder:  Mutter Some rights reserved by lachicaphoto; Abgrund Some rights reserved by