Eine Geschichte von den Abenteuern, sich selbst zu begegnen

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Ich erlebe gerade, wie die Reise zu mir Selbst das abenteuerlichste, spannendste, beängstigendste, bedrohlichste und herrausfordernste Unterfangen meines Lebens ist. So mancher Moment in den letzten Wochen war geprägt von der ernsthaften Erkenntnis, hätte ich gewusst, worauf ich mich da einlasse, ich hätte mich nie auf die Reise begeben.

Es ist wie ein Abstieg in immer tiefer liegende innere Gemächer - manche sind dunkel und unheimlich und keine Lampe spendet Licht, andere sind hell und glänzend und so manches Mal scheinen sie unerreichbar. Dieser Abstieg wird mit jeder Stufe herausfordernder. Mit jeder Etage nimmt sowohl die Angst zu, weiter zugehen, Räume zu öffnen, in denen sich Dinge befinden, die ich nicht ohne Grund so weit weg geschlossen habe als auch die Lust an der Selbstentdeckung, die unendlich kraftvolle Sehnsucht, mir selbst zu begegnen.

Was zu Beginn wie ein fröhlicher Spaziergang an einem lauen Frühlingstag aussah, hier und da ein kleiner dunkler Seelenschatten, der sich jedoch leicht enttarnen und integrieren ließ, fühlt sich nunmehr phasenweise an wie die Begegnung mit den Monstern der Vergangenheit und einer Bedrohung meiner gesamten Existenz.

Es ist so, wenn wir die Tür zu uns selbst erst einmal aufgestoßen haben, können wir sie nur mit großen Anstrengungen wieder schließen. Es ist das Elixier des Mensch-Seins, sich selbst zu entdecken und zu erkennen – es ist unsere Lebensaufgabe. In dem Moment, wo der Mensch aus dem Dornröschenschlaf des Unbewussten erwacht, und voller Neugier, Lebenslust und Entdeckergeist in das Bewusstsein und die Faszination Leben eintaucht, weiß er nicht, dass dieser Weg auch zwangsläufig durch die dunkle Nacht der Seele führt.

Ich habe es selbst so erlebt, der Anfang meines Aufwachens war gespickt von glückseligen Zuständen und Einheitserlebnissen, von universeller Liebe eingetaucht in das tiefe Wissen, dass in meinem Innern etwas Mystisches und zugleich Unumkehrbares meine Sicht auf das Leben, auf meine Umwelt und vor allem auf meine Selbst-wahr-nehmung für immer verändern würde. Da diese Sicht auf alles so elementar switchte, ich zum ersten Mal bewusst in den Spiegel sah, den alles mich umgebende mir bot, begegneten mir nun auch zunehmend in diesem schonungslosen Spiegel meine wohl verborgenen Schatten. Anfangs noch leicht händelbar, ein bisschen Arbeit mit dem inneren Kind, ein bisschen Meditation und schon hat sich das ganze transformiert. Im Laufe der Zeit spürte ich, dass die Emotionen, die gerade durch irgendetwas oder irgendwen getriggert wurden, immer unbeherrschbarer wurden, dass geradezu vulkanartigen Ausbrüche jedwede Anstrengung, die Kontrolle über das, was geschieht, zu bewahren, zunichte machten.

Dieses sonderbar beängstigende Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, sollte von nun an ein ständiger Begleiter meines Daseins werden, wehrte sich doch jede noch so kleine Faser meines Egos dagegegen, etwas von seiner Macht abzugeben. Erst ging es um so simple Sachen wie mein vehementes Bedürfnis, um jeden Preis die Ordnung im Haushalt im Kampf gegen ein dreijähriges Kind aufrechtzuerhalten, dessen innerstes Anliegen es zu sein schien, möglich schnell ein umfassendes Chaos anzurichten, sobald es nach Hause kam. Dann steigerte sich die Intensität dahingehend, mein letztes Erspartes herzugeben, meine kleine, mickrige Insel der finanziellen Sicherheit für alles Unvorhersehbare - mich also einem Zustand der gefühlten "Mittellosigkeit" auszusetzen, den ich doch bisher um jeden Preis vermieden habe. Und nun gerade erreicht der Versuch des Lebens, mir meinen Kontrollwahn auszutreiben, vorerst seinen Höhepunkt, indem ich alles, finanzielle Sicherheit, Job, Wohnung, Kinderbetreuung, soziale Kontakte aufgebe, um mich mit einem mutigen Sprung ins absolut Ungewisse zu begeben. Klar, ich hab die wegweisenden Entscheidungen irgendwie selbst getroffen, und doch fühlt es sich Bodenloser an, als je zuvor und so manchen Moment frage ich mich, ob ich wohl geistig umnächtigt war.

Jeder weitere Situation, die mich dazu zwingt, Kontrolle aufzugeben, führt mich eine weitere Stufe hinab in mein inneres Kellerverlies, begleitet von zuweilen immer größerer Angst bis hin zu der zeitweiligen Panik, den Verstand zu verlieren. Die Monster, denen ich auf meinem Weg hinab begegne, werden immer gewaltiger. Wenn ich zu Beginn meiner Reise zu mir Selbst auf kleinere Beziehungstraumatas stieß, die sich klar und einfach abgegrenzt auflösen ließen, so stand und stehe ich nun riesigen Ungeheuern aus meiner Kindheit gegenüber, die sich auch in den existenziell bedrohlichen emotionalen Ausbrüchen eines Kindes äußern.

Ich spüre, etwas Unumkehrbares ist in Gang gesetzt. Es ist die Entlarvung aller Anteile in mir, die nicht zu mir gehören, aller Persönlichkeitsmasken, die ich mir angeeignet habe, um mich nicht zeigen zu müssen, aber es ist auch die Befreiung von allem, was den Ausdruck meines Wesens verhindert. Es ist in einer gewissen Weise wie ein Geburtsvorgang.

Alles, was je in meinem Inneren als für meinen Selbstwert ausschlaggebend abgespeichert wurde, wird gerade an die Oberfläche gespült und als hinfällig und bertrügerisch entlarvt. In diesem Prozess kommt auch all der Schmerz hervor, der sich hinter meinen Selbstdefinitionen versteckt, der Schmerz, nicht so geliebt worden zu sein, wie ich war. Der Schmerz, nie die gewesen zu sein, die ich tief in mir bin. Die Angst, vielleicht nie an den tiefsten Kern meines Wesens vorzudringen. Immer wieder spüre ich auch den Impuls, einfach aufzugeben, die Idee, einfach in einem halbwachen Zustand wegzudämmern, nur nicht noch mehr aufdecken von dem, was ich so fein säuberlich verschlossen habe über all die Jahre.

Und doch, während jeder einzelne Facette, die mein Wesen mit einer Schutzhülle ummantelt, Schicht um Schicht abgetragen wird, gibt es auch diese magischen Momente, in denen ich mir selbst zum ersten mal klar und voller Ehrfurcht und Würde gegenüber stehe. Es ist tatsächlich manchmal wie die Begegnung mit einem Fremden in dem tiefen Wissen um eine verbindende Vertrautheit, voller Bewunderung und Nähe. Hier beginnt die Reise dann immer wieder aufs Neue, weil ich eine Ahnung von dem bekomme, was hinter all den Schutzmauern in dem eigentlichen Kern meines Seins darauf wartet, entdeckt und vor allem befreit zu werden. Gelebt zu werden und sich zeigen zu dürfen. Wenn ich meine Sehnsucht spüre, endlich meine bedingungslose Hingabe, meine unendliche Wärme, meine Mütterlichkeit zu leben und meine unbegrenzte Liebe fließen zu lassen, meine Kreativität zu entfalten und mich ohne Wenn und Aber fallen zu lassen, in das, was ist. Meine mir ganz eigene Schönheit in all ihrer Pracht und Würde zu zeigen.

Ich schreibe dies hier, weil ich fühle und weiß, dass sich viele gerade in ähnlichen Prozessen befinden. Weil der spirituelle Weg für mich vor allem der Weg zu mir Selbst ist. Zu mir, meinem tiefsten Kern, dem Göttlichen in mir. Und weil ich all denen Mut machen möchte, die bisher dachten, dieser spirituelle Weg wäre nur von Licht und Liebe gesäumt, während wir, von engelsgleichen Chören begleitet der universellen Glückseligkeit entgegenschweben. Es IST normal, so manchen Moment, so manchen Tag oder sogar Wochen und Monate voller Zweifel, Angst, und Wahnsinn zu verbringen - in Dunkelheit, ohne das Licht zu sehen, das zweifelsohne immer da ist. Für mich ist dies der authentische spirituelle Weg – mich ALL dem zu stellen, was sich in mir zeigt, auch wenn es so manches Mal viel Mut erfordert. Und dann, wenn alles um mich dunkel ist, zu erleben, wie für mich gesorgt wird, wie ich geliebt bin, ohne dass ich etwas dafür tue. Wie ich meine Kontrolle endlich aufgebe und weich falle. Wie nichts von dem passiert, was ich mir in meinen panikartigen Phantasien ausmalte. Das ist für mich die wahre Magie des Lebens.

 

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