Kapitulation

Es gibt einen Raum jenseits von Emotionen und Drama, von Wollen und Müssen, von Kontrolle und Abhängigkeit, von all den  beengenden Kreationen unseres Egos. Die Tür dieses Raums öffnet sich durch die komplette Hingabe an unseren Urschmerz, unsere größten Ängste und all die Horrorszenarien, die wir in uns tragen. Der Schlüssel ist das vollständige Aufgeben – die Kapitulation unseres Egos.

In der letzten Zeit sah ich mich mit einer zunehmend beschleuinigten Dynamik mit all meinen so gut gedeckelten Ängsten konfrontiert, ich erlebte mich in dem energieverschlingenden  Versuch, alles weiterhin zu  kontrollieren, den Ausgang zu beeinflussen und musste schmerzvoll erleben, wie meine Versuche, Einfluss zu nehmen, festzuhalten, Erwartungen zu manifestieren nur mehr und mehr dazu führten, dass mir nach und nach so ziemlich alle Bereiche meines Lebens  entglitten. Mit großer Hilflosigkeit und wachsender Verlustangst inszenierte ich Dramen über Dramen, stellte mich gegen das Unausweichliche, verlor mich in intensivsten Emotionen, immer bemüht, diese durch eine Veränderung der Umstände nicht wirklich spüren zu müssen. Umso mehr ich hilflos zusehen musste, wie meine sicher geglaubte Welt zerbrach, umso stärker entwickelte ich meine alten Abwehrmechanismen, umso höher war mein Energieverlust. Ich fühlte mich wie ein Ertrinkender bei dem Kampf um Leben und Tod.

Jenseits der Emotion

Irgendwann in dieser tief emotionalen und chaotischen Zeit begegnete mir dieser magische, mein Leben zutiefst verändernde Moment. Ich lag in meinem Bett, verloren in Schmerz und Angst und konnnte zum ersten Mal fühlen, wie ich aufgab. Wie meine Kraft nicht mehr ausreichte, um auch den noch so kleinsten Widerstand aufrecht zu erhalten. Es gab eine Instanz in mir, die hatte von all dem Kampf genug. Die Sehnsucht nach Frieden und Stille war in diesem Augenblick grösser als die Angst vor dem Fühlen des immensen Schmerzes in mir. Und so kam es, dass ich kapitulierte. In diesem zutiefst magischen Moment passierte etwas für mich nie zuvor Erlebtes und bis heute Unbegreifliches. Ich entdeckte den Raum jenseits von allem, was ich bisher als meine Realität wahr genommen hatte. 

Außerhalb von jeglicher Verstandesebene öffnete sich mir ein Zugang zu etwas Höherem. All die Geborgenheit und Liebe, nach der ich mein gesamtes Leben gesucht hatte, im Außen, in Beziehungen, Freundschaften, familiären Kontrukten, alles war  mit einmal dar. Es war in mir. Mich durchfluteten diese Warmen Gefühlen, derer ich mich so lange gesehnt hatte, wie ein nie endender Strom der  vollständigen, existenziellen Liebe. Ich fühlte eine seltsam vertraute Verbundenheit, ein Angekommensein, das Gefühl von zu Hause.  Diese Erfahrung sollte von nun an mein Begleiter werden und hat in meinem Inneren wie im Außen so ziemlich alles auf den Kopf gestellt.

Grenzenlosigkeit

Nach einer Weile sah ich klarer als je zuvor, wie alle Ideen von Abhängigkeit und Brauchen nur eine Illusion meines Verstandes waren, wie ich mich selbst in einer existenziellen Weise klein gehalten und begrenzt hatte, wie bisher jede noch so aufrichtig in Liebe gemeinte Handlung nur ein Versteckspiel meiner wahren Intension war, zu kontrollieren, zu besitzen und zu bekommen. Natürlich ohne es besser zu wissen. Allem lag der Irrtum zugrunde, dass ich selbst unvollständig bin, dass es Bedürfnisse gibt, für deren Befriedigung die anderen zuständig sind. Niemals, trotzdem ich etliche spirituelle Bücher gelesen hatte, Seminare besucht habe, hätte ich es für tatsächlich möglich gehalten, dass es diesen Raum für mich zugänglich gibt, indem ich all das erfahren kann, in dem mir all meine tiefen Sehnsüchte erfüllt werden – durch mich selbst. Ich konnte klar fühlen, wie sehr ich mich bisher selbst begrenzt hatte, mein ganzes Leben lief wie ein Film vor meinem inneren Augen ab und sovieles machte mit einem Mal Sinn. Angesichts dieser Bewusstwerdung kann ich auf magische Weise spüren, wie grenzenlos wir tatsächlich sind, welches unerschöpfliche Potential in uns steckt und das die Idee von Abhängigkeit eine Illusion ist, eine Lüge entsprungen aus der eigentlichen tiefen Sehnsucht, uns wieder mit uns selbst zu vereinen.

Meine Seele kann sich niemals im Drama ausdrücken

In den darauf folgenden Tagen wurde mir mehr und mehr die Bedeutungslosigkeit all der kleinen und großen Dramen meines Lebens bewusst. Retroperspektiv kam mir alles wie ein großes Theaterstück vor – an manchen Stellen musste ich sogar Lachen ob des Wahnsinns meiner Inszenierungen. Soviel Leid, Tränen und Verletzungen – wofür?  Ich konnte tief in mir die Wahrheit spüren, dass all das, was ich erlebte und erlebe, eine Erfahrung ist, nicht mehr und nicht weniger, dass die Entscheidung darüber, welche Bedeutung und Priorität ich der jeweiligen Erfahrung beimesse, in meiner, nur in meiner Hand liegt. Natürlich begegenen mir weiterhin fast täglich Momente,die mich emotional berühren. Anders als bisher ist es mir möglich die mit dem Erlebten verbunden Emotionen wieder gehen zu lassen, dort, wo ich mich bisher so manches Mal bis zum Exzess verbissen und in endlosen Dramen verloren habe. Meines zu mir zu nehmen, aber auch alles, was nicht zu mir gehört, da zu lassen, wo es hingehört.

Mit dem Tag meiner Kapitulation begegnete ich meiner Seele, meiner wahren Essenz, die ich seitdem klar und eindeutig fühlen kann. Dieses Fühlen ermächtigt mich, tatsächlich zu wählen, von welcher Ebene aus ich handle – von der emotionalen Ebene oder von meiner Seelenebene. Und jeder Moment, in dem sich meine Seele ausdrücken kann, ist begleitet von wahren Glücksgefühlen und Authentizität. Selbst wenn es Begebenheiten gibt, in dem die Verlockung zu der Inszenierung eines kleinen Emo-Dramas nicht ignoriert werden kann, so bin ich doch in der Lage zu wählen. Dort, wo ich bisher nur mitgerissen wurde von dem Strudel meiner chaotischen Emotionen ist heute ein Augenblick der Ruhe und Stille, ein Heraustreten aus dem Geschehen und die Ermächtigung zur inneren Wahl meines Handelns. Allein dieser Aspekt ist für mich ein Wunder, dachte ich mich doch so lange, meinen Emotionen komplett ausgeliefert.

Liebe ist Frei

Mein bisheriges Leben, vor allem meine Art Beziehungen zu führen, Revue passierend, musste ich mir in tiefer Ehrlichkeit eingestehen, dass ich bisher bestenfalls einen billigen Abklatsch von Liebe gelebt und erfahren hatte. Das, was ich für Liebe hielt, war eineengend für alle Beteiligten und viele meiner Handlungen und Impulse waren von Verlustangst motivert oder zielten auf direkte oder indirekte Bedürfnisbefriedigung aus. Ich dachte immer, ich könnte frei lieben und musste mir nun eingestehen, dass ich mir auf so vielen Ebenen selbst etwas vorgemacht hatte. Das ich in meinem ganzen Leben nie eine Beziehung auf Augenhöhe geführt hatte.

Erst die tiefe, umwälzende Erfahrung, die Bewusstwerdung meiner eigenen Vollständigkeit ermöglichte mir diese Erkenntnisse. Und gleichzeitig fühlte ich zum ersten Mal, was Liebe wirklich ist und wie unglaublich viele Ideen davon ich gehen lassen muss. Worte sind zu banal, um dieses Gefühl von Liebe in ihrer Essenz zu erklären,  aber sie ist vor allem eins – frei. Sie hat keine Erwartungen, sie ist niemals abhängig und sie ist frei von Wollen und Kopfbildern. Liebe ist mir möglich, wenn ich immer wieder zu mir selbst zurück kehre als der Quelle dieser Liebe – kein anderen Mensch kann für mich jemals die Quelle dieser Liebe sein.

Man kann nichts dafür tun

In meinem Erleben gibt es keine Technik oder gar eine bestimmte Herangehensweise, um eine stückweise oder vollständige Kapitulation zu erzwingen oder zu beschleunigen. Ich empfinde es als einen zutiefst individuellen und intimen Prozess, der von vielen persönlichen Faktoren abhängt.  Ich habe oft erlebt, dass das zielgerichtete Erzeugen eines bestimmten Zustandes, das vehemente Wollen einer Selbstveränderung und das permanente Herumdoktorn an der Persönlichkeit auch viel blockieren kann.  Weil dabei immer auch eine Form der Selbstverurteilung eine Rolle spielt. Weil meist ein Nicht-haben-Wollen von dem, was gerade ist, die Motivationsgrundlage bildet. Auch wenn ich nicht im Detail sagen kann, was bei mir den Weg geebnet hat, diese grundlegende innere Wandlung anzustoßen, so ist es ab einem gewissen Punkt zumindest die vollständige tiefehrliche Akzeptanz dessen gewesen, was gerade ist, mit jeder Zelle meines Seins. Mit dem Rücken an der Wand – ermüdet vom monatelangen sinnlosen Kampf gegen das Unaufhaltbare.

Ob der absoluten Unmöglichkeit, durch mein Tun auch nur das klitzekleinste Detail an den äußeren Umständen meines Lebens zu verändern und durch die tiefe Hingabe an diese existenzielle Hilflosig- und Ausweglosigkeit hat sich diese neue Dimenstion geöffnet.  Den Rest empfinde ich nach wie vor auch als Gnade.

Das unglaubliche Befreiungsgefühl, dass ich spüre, seitdem ich all dies erleben und erfahren durfte, ist schlichtweg unbeschreiblich . Ich begegne mir selbst völlig neu, vielleicht zum ersten Mal überhaupt. Alles, was meinen Lebenskontext ausmacht, verändert sich mit mir auf magische Weise als Spiegel meiner inneren Wandlung und ich bin fasziniert und gleichzeitig zutiefst dankbar für diese intensivste Zeit meines Lebens.

18 Kommentare zu „Kapitulation“

  1. Das kenne ich!

    Liebe Jasmin,

     

    oh ja! Ich bedanke mich aber auch herzlich bei meinen persönlichen Dramen! Erst sie ermöglichten mir völlig loszulassen, weil ich keine Kraft mehr hatte.

    Nach jedem Superdrama fühlte es sich wie eine Initiation an.

    Und sind wir nicht auch hier in unserem Körper und auf der Erde inkarniert, damit wir diese Erfahrungen machen?

     

     

    Herzliche Grüße,

     

    Ulrike

  2. Liebe Jasmin,
    ich habe eine

    Liebe Jasmin,

    ich habe eine ähnliche Erfahrung wie du gemacht und für mich gerade festgestellt, dass alle meine tiefen Sehnsüchte nach irgendetwas (Partner, "glückliche Lebensumstände" in welcher Form auch immer usw.) lediglich die Sehnsucht nach mir selbst sind, nämlich nach dem Teil von MIR, den ich nicht lebe/ausdrücke.

    Ich habe mich wie neu geboren gefühlt, sehe die Welt seither mit anderen Augen. Genau wie du es beschreibst, als ob ich mir selbst vollkommen neu begegne und überall um mich herum Wunder geschehen.

    Nach meiner Erfahrung ist es vor allem das oft unbewusste Vermeidenwolllen von Schmerz (emotional/seelisch) oder mindestens Unbequemlichkeiten, die uns von der absoluten Hingabe/dem Aufgeben wie du es beschreibst, abhält.

    Seither habe ich gerade schmerzhafte Erlebnisse als starke "Entwicklungshelfer" erlebt, die mir gleichzeitig auch genauso ungeahnte und nie für möglich gehaltene Glücksmomente bescherten. Jetzt bin ich eher interessiert, wenn es irgendwo schmerzhaft wird, denn dann weiß ich, das ist meine nächste Baustelle und es lohnt sich da mal weiter zu gucken, was wirklich dahinter steckt.

    Ich bezeichne diesen grenzenlosen Raum der Liebe immer als Paradies, weil ich im selben Moment aus dieser Perspektive das Paradies auf Erden erlebe. Und nein- das gelingt mir auch nicht immer. Aber so oft wie möglich 😉

    Die Liebe ist immer da, wir brauchen uns eigentlich nur dafür öffnen.

    Serena

    1. Liebe Ulrike, liebe

      Liebe Ulrike, liebe Serena,

      ich erlebe es ähnlich, in unseren schmerzvollsten Momenten liegen die tiefsten Schätze verborgen Oft stehen wir uns aber lange Zeit selbst im Weg, damit, jeden Schmerz so lange wie möglich vermeiden zu wollen. Es ist die Angst vor´dem Schmerz, es sind unsere inneren Horrosezenarien, die uns so lange um den heissen Brei herumtanzen lassen. Erst wenn wir durch diese Angst hindurch gehen, können wir den tiefen Frieden und die Geborgenheit erleben, die sich hinter der Emotion befindet Im freien Fall werden wir auf wundersame Weise gehalten.

      Alles Liebe für Euch.

      Jasmin

       

  3. Dankeschön!

    Liebe Jasmin,

    von Herzen Danke für dein Teilen dieser aktuellen Erkenntnisse. Ich habe mir in den letzten Wochen und besonders nochmal in den letzten Tagen erlaubt meiner Kapitulation näher zu kommen. Eigentlich konnte ich nichts dafür, kam halt irgendwie dahin, ging auf Widerstände zu, sicher nicht freiwillig und doch auch bewusst.

    Das mit dem Rücken an der Wand stehen war mit die Voraussetzung dafür, wollte, musste so geschehen. Ein Drama der besonderen Art bäumte sich auf und die gesammelten Werke scheinbar all meiner Entscheidungen dieses Lebens prasselten auf mich ein und vermittelten mir alles falsch gemacht zu haben.

    Die Inszenierung des Dramas war großartig und ich spielte mit. Mein Systemadministrator und Regisseur des Stücks schoss aus allen Rohren und so überrollte mich Welle um Welle, bis ich mich nicht mehr wehren konnte.

    Ich fühlte mich verloren. Die Logik der abgefeuerten Argumente war niederschmetternd. Ich zog alles in Zweifel was ich je geglaubt hatte verstanden zu haben. Wenn ich diesem Bombardement erlag, konnte das ja wohl nicht so toll gewesen sein, dachte es in mir.

    So begegnete ich erneut der Wahrnehmung verloren zu sein und es fühlte sich so real an, dass ich es glaubte.

    Ich musste mich damit abfinden der Realität ins Auge zu blicken und so blieb mir nichts anderes übrig, als mir selbst in diesem Verloren sein zu begegnen. Ich sah keine Chance mehr den Deckel drauf zu machen, weglaufen ging auch nicht, dagegen zu kämpfen war ich zu schwach, also gab ich mich hin.

    Dazu zog ich mich zurück in mein Bett und schlief schließlich ein.
     

    Als ich erwachte war die Erinnerung an mein Erlebnis sofort und übergroß da. Jetzt konnte ich allerdings noch etwas anderes wahr nehmen. Irgendwo, unter, hinter, in dieser Leere war eine Stimme, die sagte:“Vertraue!“ „Erinnere dich!“

    In der scheinbar absoluten Dunkelheit schimmerte nun ein Licht und drang bis in meine Wahrnehmung.

    So fühlt es sich also an verloren zu sein!“
     

    Mit einem Mal durchschaute ich das Spiel. Gleichgültig wie unscheinbar ein Funke auch sein mag, in der absoluten Dunkelheit ist er hell wie ein Komet. So löste sich die Dunkelheit für mich auf und ich konnte etwas sehen, was mir in dieser Tiefe bisher noch nie gelungen ist. Ich sehe mich.

    1. Verloren

      Lieber Robert,

      vielen Dank für Deine Worte. Du hast es so wunderbar beschrieben, wie auch ich dieses Aufgeben erlebte. Ich bin mir sicher, dass diese bahnbrechende Erfahrung, dass in unserer grössten Dunkelheit ein nicht zuvor gekanntes Licht, eine tiefe Wärme und Liebe verborgen liegt, in vielen kommenden Situationen dieser Art ein unerschütterliches Vertrauen geschaffen hat-das Vertrauen in uns selbst und das Wissen darum, dass wir etwas viel Grösseres sind, als wir jemals dachten.

      Alles Liebe.

      Jasmin 

  4. Kerstin Steinmeyer

    Unterstützung

    Liebe Jasmin,

    immer mal wieder schau ich auf diese Seite. Und immer wieder habe ich das Gefühl, dass deine Worte und die Themen nur für mich geschrieben sind. Sie machen wir Mut, vor allem, weil ich erkenne, ich bin nicht alleine mit meinen themen, Prozessen, Konzepten und Dramen ;).

    Ich bin nicht an dem Punkt, wo ich von der inneren Freiheit, dem wirklichen Erkennen, was da ist sprechen kann, ich bin irgendwo davor unterwegs. Ein wenig (mehr) kontroll-freakig, hilflos, planlos, wütend, verwirrt, getrieben…und wissend, dass es DAS nicht ist! Und das ist alles andere als einfach für mich. Denn wie wir alle merken, ist es gerade das Loslassen, was ich nicht einfach entscheiden kann.

    Und so spüre ich gerade konstant die Polarität einer inneren Stärke, Ruhe und Ausrichtung sowie den Kampf, um "Existenz" der in mir stattfindet. Und wenn ich auch manchmal nicht mal mehr weiß, was ist nun die "Story", die ich kreiere und was ist "wahr", so spüre ich zumindest eines: Ich gehe den Weg…meinen Weg!

    Danke für dein Da-Sein und Teilen deiner Erfahrungen. Du gibst mehr, als du denkst!!

    Alles Liebe,

    Kerstin

     

  5. Danke!

    Liebe Jasmin!

    Ihre Worte berühren mich immer sehr und mir geht es ganz ähnlich wie Kerstin, denn auch ich habe das Gefühl, dass diese Zeilen genau mich ansprechen und mir förmlich zufallen.

    Ich bin noch nicht da wo ich sein möchte, nämlich ganz bei mir selbst, geborgen, geliebt und zuhause in mir selbst. Da liegt noch ein Stück Weg vor mir. Ich habe schon ein paar Mal Momente des absoluten Vertrauens, des Getragenseins, des inneren Friedens und das Gefühl, dass gerade alles so sein soll wie es ist, dass alles gut ist wie es ist (auch wenn sich meine Wünsche und Träume noch nicht erfüllt haben) erleben dürfen. Es ist ein Gefühl der Leichtigkeit und Glückseligkeit, ein Gefühl das sich nicht in Worte fassen lässt. Ich bin unendlich dankbar für diese Momente. Doch leider verfalle ich wieder allzu schnell in alte Verhaltensweisen. Allem voran der Kontrollzwang. Ich bin mir dessen vollkommen bewusst, umso mehr schmerzt es mich mitanzusehen und zu fühlen, wie ich weiterhin gegen mich selbst ankämpfe. Aber durch dieses Bewusstsein wird es nicht unbedingt leichter für mich. Ich kann das Loslassen nicht erzwingen, es ist ein Prozess und all mein Widerstand, mein Ankämpfen machen es mir nur schwerer. Es kostet mich unendlich viel Kraft.

    Trotz allem gehe ich meinen eingeschlagenen Weg weiter. Da ist etwas in mir, eine Art Sehnsucht des Herzens, die mich führt. Mit dem Herzen wissen, aber dennoch keine absolute Gewissheit haben – MenschSein bedeutet Zweifel haben zu dürfen (ohne mich dafür zu verurteilen) und dennoch meinen Weg fortzusetzen.

    Danke für Deine Zeilen, die mir meinen Weg bestätigen, mir  Mut zusprechen und mir zeigen, dass ich nicht allein bin.

    Alles Liebe

    Nicole

    1. Liebe Nicole,
      das mit dem

      Liebe Nicole,

      das mit dem Widerstand und den alten Verhaltensweisen macht mir auch zu schaffen! Und es geht mir ähnlich wie Dir, ich bin mir dessen bewusst, dass ich einfach vertrauen kann wie ein Kind, dass alles gut ist und wird. Ich erinnner mich sogar daran, dass ich als Kind so war. Doch sind da jetzt Dinge, die ich gern ändern würde, weil ich meine, mir dadurch selber näher zu kommen und der Lebenssituation, die ich mir wünsche. (Jasmin hat auch etwas von der Vermeidung ungewollter Situationen geschrieben.) Und in meinem Kopf rennt ein kleines Männchen zwischen den Möglichkeiten hin und her, zwischen Entscheidungen, die sich auf Angst begründen und auf Zweifel und auf der Frage, laufe ich vielleicht sogar vor mir selber weg, wenn ich hier willentlich eingreife? Birgt die ungewünschte Situation weitere Lernprozesse (mit Sicherheit tut sie das) oder liegt das Lernen in der Handlung, zu der ich mich noch nicht richtig durchringen kann? Ist es einfach so, dass ich mich nicht in etwas "fügen" will, durch das ich vielleicht durch muss, oder nur die Angst, nicht den Erwartungen anderer zu entsprechen und in einen Abgrund (in diesem Fall finanzieller Art) zu fallen? Irgendwie weiß ich, dass sich nach getroffener Entscheidung eine Tür auftun wird. Und doch werde ich bis zum entscheidenden Moment Bauchschmerzen haben. Es sei denn, ich entspanne mich einfach.

      Oft komme ich mir vor, als wäre ich bis zum Bauch in Beton gegossen, der hart wird und ich stecke fest in einer Mauer aus Mustern und Konditionen. Ich erinnere mich daran, dass ich doch authentisch sein will, und dann will ich viel Dynamit, um den Beton zu sprengen, jetzt gleich sofort, bitte!

      Es fällt mir schwer, das alles zu beschreiben. Die Sicht ist einfach nicht klar, obwohl sich durch den Gedankendschungel so langsam ein Weg zu winden beginnt. Sorry für dieses Schreib-Chaos!

      Dir und allen anderen hier alles Liebe und Gute für Euren Weg!

      Sonja

      1. Danke

        Ihr zwei, 

        ich danke euch von Herzen für diese Seite, die ich gestern entdecken durfte und bin so glücklich und habe Tränen in den Augen, weil ich spüre, ich bin nicht allein! Dein Text, liebe Jasmin, spricht mir so aus dem Herzen und der Seele… ich stehe kurz vor der Kapitulation und so ganz traue ich mich noch nicht 😉

        Ich bin tief berührt von all diesen wunderschönen und hilfreichen Worten! Das ist wirklich etwas ganz ganz Besonders.

        Viele liebe Grüsse

        Simone

        1. Von Herzen

          Liebe Simone,

          es berührt mich immer wieder wirklich tief und gibt mir ein wunderschönes Gefühl, zu erleben, wie unsere Worte verbinden, Mut geben und andere erreichen, die ähnliches erleben. Das ist es, was wir mit dieser Seite geben wollen, das Gefühl, das wir alle Brüder und Schwestern sind, die sich auf dem Weg, jeden ganz individuellen Weg begleiten. Hab vielen Dank für dein Feedback. Ich wünsche Dir Kraft und Mut für das, was gerade bei dir ansteht.

          Alles Liebe!

          Jasmin

    2. Alles hat seine Zeit

      Liebe Nicole, Liebe Sonja

      vielen Dank für Eure Worte. Ich kenne diese Dynamik nur zu gut, dieses Rausfallen, wenn man schon die tiefen Momente der der Leichtigkeit und des Loslassens hatte, der Frust, wieder in die alten Verhaltensmuster eingestiegen zu sein und der innere Widerstand gegen einen selbst sowie die Gefahr, in einen Kreislauf aus Selbstverurteilung und Sich-anders-haben-wollen zu geraten. 

      Ich glaube heute mehr denn je, dass alles seine Zeit braucht und das all unser Wollen nichts ausrichten kann, wenn wir an dem bestimmten Punkt noch nicht sind, an dem das Alte entgültig abfällt. So wie die Jahreszeiten ihrem eigenen Rhythmus unterliegen, so erlebe ich es auch mit der Heilung der Seele, alles entspricht einer gewissen Gesetzmäßigkeit, die wir nicht durch Leistung beschleunigen können. Alles was wir tun können, ist uns hinzugeben. An unsere Rückfälle, an unser Gefühl von Versagen und an das, was eben gerade ist. In dieser Hingabe liegt dann wieder der Schlüssel für die nächste kleine Tür. Es öffnet sich immer etwas, wenn wir uns hingeben und unser Wollen aufgeben. 

      Was wirklich hilft: Gib Dir Zeit. Umarme dich gerade wenn es am schwersten fällt und Du Dich am wenigsten leiden magst.

      @Sonja: David hat gerade einen wirklich hilfreichen Artikel zum Thema Entscheidungen geschrieben. Vielleicht ist ja etwas für Deine Situation dabei.

      Alles Liebe!

      Jasmin

       

  6. Kapitulation

    Liebe Jasmin,

    wie so oft- entgegen aller Zufallsaussagen, begegnete mir dieser SEHR GUTE ARTIKEL…Danke!

    Im Beschriebenen- habe ich mich wieder gefunden…Immer noch verloren oder verirrt, aber während des lesens-  wieder gefunden…

    Am vergangenen Mittwoch- stöhnte in mir sowas wie " Ich kann nicht mehr – oder – ich kapituliere " auf…Was danach gefühlt und erkannt wurde, war sowas wie eine schmerzhafte- und dennoch zart-gespürte " BEFREIUNG. "

    Die Hauptarbeit – eben sich dieses KAPITULIEREN zulassend anzuschauen – folgte hinterher- d.h. möglicherweise hatte mein Leben mehr als einmal kapitulieren müssen (meist in Partnerschaften)

    So konnte ich wahrnehmen, daß ich früher stets in eine  " WIEDER-GUT-MACHUNG " suchte- was bedeuten kann, daß mir das OPFER-SEIN angenehmer war, als die Haltung der VERANTWORTUNGSVOLLEN HINGABE…

    Meine Frage: Heißt HINGABE- mit allem einverstanden zu sein??? (ich meine damit- Familienthemen- Berufsthemen- einfach in ALLEM???)

    Ich weiß nicht wie es weiter geht…Urvertrauen ist nicht meine Stärke…

    Herzlichst

    Anne-Marie

     

    1. Hingabe

      Liebe Anne-Marie,

      für mich heisst Hingabe, mich dem jeweiligen Moment mit all seinen Gefühlen hinzugeben. Oft geraten wir in Situationen, die ganz alte, unaufgelöste, bisher nicht gesehene Gefühle in uns ansprechen und weil diese Gefühle meist von einem grossen Schmerz begleitet werden, tun wir alles, um uns um das Fühlen derselbigen zu drücken. Wir verurteilen unseren Partner, wechseln vielleicht unseren Arbeitsplatz und projizieren damit diese ungewollten Gefühle auf die auslösende Situation im Aussen. Damit haben wir uns aber nicht erlöst, sondern sind in die nächste Runde eingestiegen. Es wird dann neue Situationen im Aussen geben, neue Partner, neue Chefs, wahrscheinlich ein anderes Drehbuch, aber die schmerzhaften Gefühle werden wieder und wieder angesprochen. 

      In meiner Wahrnehmung heisst Hingabe keinesfalls, alles hinzunehmen, was mir im Aussen begegnet, sondern meinen Fokus von dem, was dort geschieht, wegzunehmen. Dahin zu schauen oder vielmehr zu fühlen, wo es in meinem Inneren brennt. Mich diesen oft sehr turbulenten, krassen Gefühlen hinzugeben, sie anzuschauen, vielleicht zum ersten Mal. Ich habe gerade in letzter Zeit erlebt, wie sich in dem Augenblick, wo ich diesen Fokus nur noch auf mein Inneres richtete und was in mir abgeht, sich das Aussen ganz von selbst erledigt. Ein sehr unbefriedigendes und destruktives Arbeitsverhältnis beendete sich ohne mein Zutun, obwohl ich Wochen damit zugebracht habe, mir den Kopf zu zerbrechen, ob ich nun kündige oder nicht oder doch….In dem Augenblick, als ich dieses ganze Rumrödeln und Basteln an der auslösenden Situation oder dem auslösenden Menschen sein ließ und mich ohne Wenn und Aber all dem Terror und Chaos in mir zuwandte, geschahen Wunder. Das ist Hingabe für mich. Urvertrauen ist für mich vor allem das Vertrauen darin, dass alles, wirklich alles was mir gerade begegnet, genauso richtig ist. Das ich mir meine Realität kreiere, bewusst und vor allem unbewusst und diese unbewussten, blinden Flecken zu enttarnen, dass ist Sinnhaftigkeit. Mir selbst-bewusst werden.

      Alles Liebe für Dich!

      Jasmin

      1. nur so eben mal

        interessant… der Kommentar kam genau zur richtigen Zeit und passt auf "meine" Situation. Danke!

  7. All-Eine …

    Liebe Jasmin, alle Ihr Lieben, die hier teilhaben,

    immer öfter passiert es, dass ich auf Deinen Blog einen Beitrag öffne, und "rein zufällig" finde ich genau den Input/die Inspiration zu dem Thema, das gerade bei mir abläuft, heute wieder: Gestern Nacht war ich all-eine im Haus, und da lief wieder in meinem Inneren ein Drama (übers alt und "unsexy"- werden, Angst vor Verlust der Weiblichkeit, und überhaupt, warum bevorzugen Männer in meinem Alter fast immer jüngere Frauen, wo "ich" doch soviel zu teilen habe, körperlich, energetisch, spirituell …).  Dann passierte etwas:

    Gegen Ende des bewussten Er-lebens dieser neu-alten Gedankenspiralen (keine Bewertung, nur eine Feststellung!) … Auch indem ich ganz all-eine war und dies alles nur für mich tue,  niemand da, den ich damit hätte belästigen können … Da wurde mir glassklar: Keine Dämonen sind es, lediglich die uralten Muster menschlicher Ängste vor der Einsamheit, der Dunkelheit, dem Tot, … Dann war, und jetzt ist, ein uralter tiefer Frieden im Solar Plexus, meinem Zentrum  … Nur das, Jetzt, dieses ursprünglichstes aller Gefühle: Der Urfrieden. Dieses wurde bei mir in den ersten Lebensjahren so erschüttert; jetzt kommt es stufenweise zurück; es war nie wirklich weg, hat sich nur versteckt. Urfrieden = Urtrauen (auch in sich selbst, dem göttlichen Selbst).

    Dieses tiefe Gefühl inneren Friedens ist auch jetzt in mir, und siehe da, auf einmal passiert alles Mögliche, das mir auf dem Weg hilft, auch im praktischen Leben, "einfach" durch das Aufhören zu kämpfen, nicht schwimmen, fließen lassen … Keine Ahnung, wie es passierte, aber es ist nicht das erste Mal.

    Doch gibt es dann auch immer wieder Rückfälle, wo ich vom beruflichen und privaten Alltag, von meinen eigenen Ängsten mihc in Gedankenspiralen ziehen lasse und alles Mögliche inszeniert, um diesem Schrecklichen nicht begegnen zu müssen … Da durch kommt wieder tiefer Frieden. Ist es "normal" dass frau immer wieder solche Rückkehr der Identifikationen, das Hineingezogen werden im Strudel der Gedanken, Ereignisse, vermeintliche Bedürfnisse … Wie z. B. diese Sexuelle Extase mit jemandem ganz Innigen, ohne die  ich mich verloren fühle. Ist es möglich, diese für mich grenzenlose Extase all-eine zu erleben? Ich kann es mir nicht wirklich vorstellen. Es sind doch Energien zumindest zweier Seelenwesen, die sich da vereinigen und ins Unendliche expandieren; so innig mit und im Göttlichen Sein …  So zumindest erlebe ich es. Und ich glaube, nicht alleine damit zu sein und mit dem Gefühl, nicht all-eine sein zu wollen … wenngleich ich weiß, dass es passiert,  ES IST, gleich-gültig was "ich" will, oder nicht will …    🙂

    Vielen herz-lichen Dank und Grüße von

    Su.

     

    1. Vom Älterwerden und der Ekstase

      Hi Su.

      so glaube ich doch, dass es immer wieder kollektive Themen gibt, die gerade am werkeln sind und in uns brodeln….dein Thema ist auch seit einigen Wochen mein Thema. Gerade heute morgen wurde es wieder angetriggert, als meine Tochter zu mir sagte: Mama, du bist alt. du warst mal eine junge Frau, aber jetzt bist du es nicht mehr. Sie ist nur ein Kind von drei Jahren und hat das aufgegriffen, was mich mehr oder weniger bewusst seit meinem letzten Geburtstag beschäftigt: Älter zu werden, zu wissen, die Jugend liegt hinter einem, ein Kapitel des Lebens ist unwiederbringlich abgeschlossen. Die Falten zu akzeptieren und die Tatsache, das jeder Tag mich ein Stück meinen Tod näher bringt. Mein Konzept von sexy, von Attraktivität völlig neu zu überdenken. Die Konditionierungen unserer im Schönheits- und Jugendwahn befindlichen Gesellschaft von meinem echten Gefühlen und Ängsten zu unterscheiden. Und ich komme zu einem ähnlichen Schluß wie du: 'Tief in mir ist darunter die Angst vor Vergänglichkeit, vor dem Sterben, vor dem Allein-Sein, vor dem unausweichlichen Loslassen von Allem.

      Natürlich kenne ich auch die tiefe Sehnsucht nach sexueller Ekstase, wobei ich für mich eher eine Sehnsucht nach diesem Einssein habe, dass durch das gemeinsame sexuelle Erleben mit meinem Partner möglich ist. Diese tiefe Hingabe an den Moment. Und ich habe solche Gefühle auch schon allein erlebt, auch tiefe Ekstase, die ich nicht mal im Entferntesten mit Sexualität in Verbindung brachte, die sich aber in ihrer Essenz genauso auffühlte. Ich glaube, dieses Einssein, die völlständige ekstatische Hingabe ist auch alleine möglich, aber mit meinem Partner fühlt sie sich noch einmal dem Göttlichen viel näher an, weil das Erleben durch ihn dieser tiefen Sehnsucht nach Verbindung und Verschmelzung auf der menschlichen Ebene viel näher kommt, als mein alleiniges Erleben. Trotzdem bin ich unendlich dankbar, solche Erfahrungen auch alleine zu machen, weil sie meine Annahme, ich brauche meinen Partner unbedingt für diese Form von Erfahrung aufweicht. Ich fühle in mir, dass diese Ekstase, dass Einssein auch alleine und ohne Begrenzung möglich ist, manchmal vielleicht sogar ungehemmter, weil all die Filme, die ein Partner antriggert, gerade beim Sex, wegfallen. Ich kann mich absolut auf mich konzentrieren. Die Grenzenlosigkeit ist eine Frage dessen, wie weit ich mich hingeben kann. Kann ich mich einem Partner grenzenlos hingeben, so kann ich das auch, wenn ich alleine bin. Und andersrum werde ich alleine auch an die Mauern stoßen, die mein Zusammensein mit meinem Partner begrenzen. Das Lernfeld ist wirkliche, vollständige Hingabe, und die kann ich sehr gut für mich alleine "üben",  und dabei meine Grenze jedesmal ein kleines Stück weiter schieben.  Alles Liebe

      Jasmin

       

       

  8. Liebe Jasmin,
     
    herrlicher

    Liebe Jasmin,

     

    herrlicher Artikel von Dir. Stimme völlig damit überein, dass man nicht mal das kitzekleinste Detail ändern kann. Es geht nur um Akzeptanz. Ich weiss wovon ich spreche. Habe alles ausprobiert, Rückführungen und alles mögliche. Nix hilft. Nur eines. Akzeptanz. Allerdings hatte ich bis heute nicht die Gnade das selbe zu fühlen wie du. Vielleicht hab ich noch nicht völlig kapituliert. Obwohl auch ich keine Kraft mehr habe und völlig am Ende bin. Erlbe das seit rund 23 Jahren. Also kein monatelanger Kampf wie bei Dir. Vor allem auch noch kein Ende in Sicht. Es geht weiter. Aber auch das akzeptiere ich. Jeder hat seinen eigenen Weg. Und selbst wenn dieser Kampf den man gar nicht will, und den man auch akzeptiert weiter geht, so muss man eben diesen Kampf weiterführen vielleicht noch viele Leben lang. Auch wenn man gar nicht mehr weiss, was man noch akzeptieren soll.

     

    LG Osiri

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